Arzttermine, Dringlichkeit

Arzttermine nach Dringlichkeit: Krankenkassen wollen Versicherungsstatus ausblenden

Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 14:34 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Thorsten Frei verlangt Vorschläge gegen lange Wartezeiten; Krankenkassen setzen auf medizinische Dringlichkeit und eine zentrale Terminplattform.
Ein heller, leerer Wartebereich in einer modernen Arztpraxis mit Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Unionsfraktionschef Thorsten Frei (CDU) fordert spürbare Verbesserungen bei den Wartezeiten auf Facharzttermine für gesetzlich Versicherte. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) solle hierzu zeitnah konkrete Vorschläge erarbeiten. Wie Frei am 17. Oktober 2026 gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger erklärte, müssten ausnahmslos alle Versicherten die Chance haben, Termine bei Fachärzten innerhalb einer vertretbaren Frist wahrzunehmen.

Frei räumte ein, dass das duale Nebeneinander aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung durchaus Vorteile mit sich bringe. Dennoch werde manches Element des bestehenden Systems in der Bevölkerung als ungerecht empfunden oder sei es de facto auch. Als zentrales Negativbeispiel nannte der Unionspolitiker die teils massiven Wartezeiten, von denen gesetzlich Versicherte betroffen sind.

Zuvor hatte sich bereits Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu dieser Thematik geäußert und von einem deutlichen Gerechtigkeitsproblem gesprochen, wenn Privatversicherte unmittelbar Zugang zu medizinischen Leistungen erhielten, während gesetzlich Versicherte mitunter Wochen oder Monate ausharren müssten.

Krankenkassen schlagen zentrale Plattform vor

Unterstützung für eine Neuregelung kommt von den Krankenkassen. Oliver Blatt vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung forderte, dass die Vergabe von Arztterminen künftig strikt nach dem medizinischen Bedarf und der Dringlichkeit erfolgen müsse, anstatt sich am Versicherungsstatus zu orientieren.

Die bestehende Benachteiligung bezeichnete er als gravierende Ungerechtigkeit. Rund 75 Millionen gesetzlich Versicherte würden den überwiegenden Teil der ärztlichen Honorare finanzieren, seien aber von deutlich längeren Wartezeiten betroffen.

Um die Ungleichbehandlung bei den Fristen zu beheben, schlug Blatt die Einführung einer zentralen, tagesaktuellen Plattform vor. Über diese sollten alle Praxen verpflichtet werden, einen fest definierten Anteil ihrer Termine bereitzustellen, ohne dass dabei vorab der Status als gesetzlich oder privat versicherte Person abgefragt wird.

Gleichzeitig wandte sich Blatt gegen das Schlagwort einer Zweiklassenmedizin, da sich die Differenzen primär in den Wartezeiten und weniger in der reinen Behandlungsqualität zeigten.

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Michaela Engelmeier vom Sozialverband Deutschland plädierte ebenfalls für eine bedarfsgerechte Versorgung, die auf jegliche Mehrklassensysteme verzichtet. Aus den Reihen der Kassen formulierte Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, eine noch weitergehende Position: Er sprach sich für die generelle Zusammenlegung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung in einem einheitlichen Gesamtsystem aus.

Finanzdruck und Trend zu Selbstzahlerleistungen

Die Debatte fällt in eine phase spürbar wachsender Ausgaben der Krankenversicherung. Der Schätzerkreis der gesetzlichen Krankenversicherung erwartet einen Anstieg der Gesamtausgaben von 370,1 auf 378,1 Milliarden Euro innerhalb eines Jahres.

Zeitgleich wächst der wirtschaftliche Druck auf Praxen, nachdem das im Sommer verabschiedete Beitragssatzstabilisierungsgesetz bestimmte Sondervergütungen für kurzfristige Dringlichkeitstermine und offene Sprechstunden gestrichen hatte.

Infolgedessen informierte die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Praxen über Möglichkeiten für mehr Selbstzahlerleistungen. Bundesweit mehren sich Berichte über geänderte Sprechstundenmodelle: So vergibt etwa eine radiologische Praxis in Nordrhein-Westfalen seit dem 1. Oktober 2026 Termine ab 13 Uhr ausschließlich an Selbstzahler und Privatpatienten.

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Das Bundesgesundheitsministerium stellte dazu klar, dass es einen berufsrechtlichen Pflichtverstoß darstelle, Patienten zum Verzicht auf reguläre Kassenleistungen zu bewegen oder Termine unzulässig an Selbstzahler-Sprechstunden zu koppeln.

Janosch Dahmen von den Grünen warnte vor einer fortschreitenden Erosion des kassenärztlichen Versorgungssystems durch die zunehmende Ausweitung von Behandlungen gegen Direktzahlung.

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