Arbeitszeiten, Kernzeiten

Arbeitszeiten: Kernzeiten 10–15 Uhr steigern Zufriedenheit auf 95%

Veröffentlicht am: 19.08.2026 um 21:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien zeigen: Digitale Erreichbarkeit und Effizienzdruck gefährden die Resilienz. Experten fordern Entschleunigung und biologische Rhythmen zu berücksichtigen.

Resilienz im Job: Entschleunigung als Schlüssel gegen digitale Überlastung
Eine Führungskraft blickt in der Morgendämmerung von einem Berggipfel in die Ferne, ein Symbol für Ruhe und Resilienz. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

In der modernen Managementlehre gewinnen Ansätze zur Steigerung der Resilienz zunehmend an Bedeutung. Experten diskutieren in diesem Zusammenhang verstärkt über die Übertragung von Strategien aus dem Extrembergsteigen auf die betriebliche Führungspraxis.

Im Fokus steht dabei die bewusste Entschleunigung als Instrument, um die Widerstandsfähigkeit von Führungskräften und Organisationen gegenüber wachsendem Leistungsdruck und digitaler Überlastung zu stärken.

Digitale Erreichbarkeit und die Forderung nach einer Erholungskultur

Ein zentraler Faktor für die abnehmende Resilienz in Unternehmen ist der digitale Stress. Aktuelle Untersuchungen der IU Internationalen Hochschule verdeutlichen, dass das Phänomen der permanenten digitalen Erreichbarkeit alle Altersgruppen betrifft.

Die Studienautoren Stefanie André und Timo Kortsch plädieren in ihren Analysen dafür, die Verantwortung für die Stressbewältigung nicht länger auf die individuelle Selbstkontrolle der Beschäftigten zu schieben. Stattdessen sei die Etablierung einer organisationalen Erholungskultur notwendig.

Als konkrete Maßnahme zur Reduktion von sozialem Druck wird unter anderem vorgeschlagen, die Uhrzeitangaben aus E-Mails zu entfernen. Damit solle verhindert werden, dass die Sendezeit als Leistungsindikator missverstanden wird.

Symptome einer dauerhaften digitalen Belastung äußern sich laut den Forschern häufig in Schlafproblemen, Konzentrationsstörungen (sogenannter „Brain Fog“) sowie einer gesteigerten Gereiztheit. Unternehmen seien gefordert, durch klare Leitplanken und die Gewährung von Autonomie der fortschreitenden Entgrenzung der Arbeit entgegenzuwirken.

Chronobiologie als Faktor für Mitarbeiterzufriedenheit

Neben der digitalen Entlastung spielt die Berücksichtigung biologischer Rhythmen eine wesentliche Rolle für die psychische Gesundheit. Die Chronobiologie-Expertin Camilla Kring weist darauf hin, dass lediglich etwa 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung dem Chronotyp der „Lerchen“ angehören, die bereits früh am Tag ihre volle Leistungsfähigkeit erreichen.

Ein dauerhafter „Social Jetlag“, bei dem die Arbeitszeiten gegen den natürlichen Biorhythmus verstoßen, fördere die Entstehung von Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Kring empfiehlt daher die Einführung von Kernarbeitszeiten zwischen 10 und 15 Uhr, um unterschiedlichen Chronotypen gerecht zu werden. Ein Praxisbeispiel aus einem norwegischen Unternehmen zeigt die Effektivität solcher Maßnahmen: Durch die Verlegung von Meetings auf spätere Tageszeiten konnte die Mitarbeiterzufriedenheit dort von 48 Prozent auf 95 Prozent gesteigert werden.

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Entscheidungsqualität und organisationale Agilität

Die Fähigkeit zur Entschleunigung korreliert zudem eng mit der Qualität von Managemententscheidungen. Dr. Ralph Nolte, dessen Werk über Entscheidungsarchitektur für September 2026 angekündigt ist, verweist auf Untersuchungen der Managementforschung von Paul C. Nutt. Diese zeigen, dass von 356 analysierten Entscheidungen rund die Hälfte scheiterte. Nolte schlägt einen Denkrahmen mit fünf Dimensionen vor, um die Entscheidungsfindung im Sinne einer resilienten Unternehmensführung zu optimieren.

Ergänzend dazu beleuchtet ein Thesenpapier des Beratungsunternehmens Cofinpro die Herausforderungen der sogenannten „Business Agility“. Während agile Methoden in Teams oft bereits etabliert seien, lägen die Hürden nun an den Schnittstellen der Organisation. Führung und Steuerung müssten so weiterentwickelt werden, dass Entscheidungen näher am Kunden getroffen werden können.

Im Gesundheitssektor findet ein ähnlicher Transfer bereits statt: Das Klinikum Lüneburg führt über eine Laufzeit von drei Jahren ein „Crew Resource Management“ (CRM) ein, wie es ursprünglich aus der Luftfahrt bekannt ist. Ziel des geförderten Projekts ist die Verbesserung der Patientensicherheit und der Arbeitsbedingungen durch interprofessionelle Schulungen.

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Spannungsfeld zwischen Effizienzdruck und Mitarbeiteraktivierung

Trotz der Erkenntnisse über die Bedeutung von Resilienz dominieren in vielen Unternehmen kurzfristige Sparmaßnahmen. Marktforscher von Gartner stellten in einer Studie vom Mai 2026 fest, dass 80 Prozent der Unternehmen im Zuge von KI-Initiativen Stellen abbauen, wobei dieser Abbau allein die Erträge nicht erkläre. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen der Belegschaft: 43 Prozent der Beschäftigten misstrauen den Ergebnissen von Künstlicher Intelligenz.

Laut Daten von Gallup leisten zudem 77 Prozent der Arbeitnehmer lediglich Dienst nach Vorschrift. Experten wie Frank Lehmann kritisieren in diesem Zusammenhang einen einseitigen Fokus auf Kostenreduktion, den laut einer Erhebung von Gartner und Deloitte im Jahr 2026 rund 72 Prozent der Finanzvorstände priorisieren.

Für den Mittelstand sei dieser „Rotstift-Reflex“ oft kontraproduktiv; stattdessen müsse die Aktivierung der Belegschaft im Vordergrund stehen, um langfristige Resilienz zu sichern.

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