Arbeitsüberlastung, Chefs

Arbeitsüberlastung: 94% der Chefs sehen Mitarbeitergesundheit als kritisch

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 03:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Berichte über Bulkhead rücken verpflichtende Mehrarbeit und frühere Extrembelastungen ins Zentrum; Studien zeigen Risiken informeller Heimarbeit.

Bulkhead: Crunch-Bedingung bei Wardogs sorgt für Kritik
Ein verlassener, in kühles Mondlicht getauchter Büroarbeitsplatz mit dunklen Bildschirmen und leeren Schreibtischstühlen. Illustration mit AI erstellt.

Die Debatte um die Arbeitsbedingungen in der Videospielentwicklung hat durch aktuelle Berichte über die Unternehmenskultur bei Bulkhead (Wardogs) neue Impulse erhalten. Im Zentrum der Diskussion steht die Haltung von CEO Joe Brammer, der die Bereitschaft zu intensiven Überstunden, dem sogenannten Crunch, zur Voraussetzung für Neuanstellungen macht.

Selektionskriterien und die Normalisierung von Mehrarbeit

Berichten aus der Mitte September 2026 zufolge verfolgt der Bulkhead-Chef eine strikte Linie bei der Personalrekrutierung. Bewerber, die sich in sozialen Medien kritisch gegenüber Crunch-Praktiken geäußert haben, werden demnach systematisch aussortiert.

Brammer betrachte Überstunden als einen unvermeidbaren und ethisch vertretbaren Bestandteil der Branche, sofern diese finanziell kompensiert werden. Die Bereitschaft zur Mehrarbeit wird somit zu einer expliziten Bedingung für eine Anstellung bei dem Studio hinter dem Titel Wardogs.

In der jüngeren Vergangenheit habe die Arbeit an Wardogs für viele Teammitglieder einen höheren Stellenwert eingenommen als das Privat- oder Familienleben. Während das Spiel am ersten Verkaufswochenende zwei Millionen Verkäufe erzielte und Teile der Belegschaft Boni erhielten, stehe fest, dass die Konsolenversion trotz des hohen Einsatzes nicht vorzeitig fertiggestellt werde.

Historische Parallelen und strukturelle Herausforderungen

Die Praktiken bei Bulkhead sind kein Einzelfall in der Branche, wie Berichte über vergangene Großprojekte verdeutlichen. Ehemalige Mitarbeiter von BioWare berichteten in einem Interview, das Mitte September 2026 veröffentlicht wurde, von extremen Arbeitsbedingungen während der Entwicklung von Mass Effect. Damals hätten Entwickler teilweise 21 Tage am Stück gearbeitet und im Anschluss lediglich einen freien Tag erhalten.

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Laut dem damaligen Cinematic Designer Armando Troisi habe Game Director Casey Hudson bewusst Ziele gesetzt, die kaum erreichbar schienen. Die Entwicklung stand unter dem Druck einer dreifachen Herausforderung: der Arbeit mit einer neuen Engine, dem Aufbau einer neuen Marke und der Veröffentlichung auf einer neuen Konsole. Solche Berichte verdeutlichen, dass die Erwartung extremer Mehrarbeit seit Jahren tief in der Struktur großer Entwicklungsstudios verwurzelt ist.

Forschungsergebnisse zu Präsentismus und Homeoffice

Wissenschaftliche Untersuchungen stützen die Relevanz dieser Thematik für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz. Eine in der Fachzeitschrift Social Science & Medicine veröffentlichte Studie von Forschenden der Universität Klagenfurt und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) untersuchte die Zusammenhänge zwischen Arbeitsort und Präsentismus – also dem Arbeiten trotz Krankheit.

Die Auswertung repräsentativer Daten von rund 5.400 Erwerbstätigen aus dem Jahr 2019 und etwa 10.000 Personen aus dem Jahr 2021 zeigt einen deutlichen Trend: Informelles Arbeiten von zu Hause korreliert mit einer höheren Anzahl an Präsentismus-Tagen. Formale Homeoffice-Vereinbarungen hingegen führen tendenziell zu weniger Tagen, an denen trotz Krankheit gearbeitet wird.

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Ein Arbeitsrechtsexperte des ÖGB wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in Österreich eine ähnliche Situation herrsche. Es müsse sichergestellt werden, dass weder direkte noch indirekte Erwartungen entstehen, im Krankenstand tätig zu sein. Zudem seien Maßnahmen gegen psychischen Druck und Arbeitsverdichtung notwendig.

Wirtschaftliche Folgen und die Rolle der Führung

Die wirtschaftliche Bedeutung der Mitarbeitergesundheit wird von Unternehmen zwar erkannt, aber nur zögerlich umgesetzt. Eine Untersuchung der Barmer unter 550 Entscheidungsträgern im Mittelstand zeigt, dass 94 Prozent der Befragten die Gesundheit der Belegschaft als Erfolgsfaktor sehen.

Dennoch zeigen sich nur 40 Prozent der Führungskräfte vollends von der Notwendigkeit konkreter Maßnahmen überzeugt, während ein Redaktion der Befragten zögerlich reagiert.

Unternehmen, die entsprechende Konzepte umsetzen, berichten zu 60 Prozent von einem verbesserten Betriebsklima und zu etwa einem Drittel von einer höheren Produktivität. Dem stehen jedoch Sorgen über höhere Kosten (41 Prozent) und einen steigenden Verwaltungsaufwand (35 Prozent) gegenüber.

Neben der psychischen Belastung spielen auch physische Faktoren eine Rolle. Laut der NAKO-Studie 2024 verursacht Bewegungsmangel in Deutschland jährliche Gesundheitskosten von 188 Euro pro Person, die inklusive indirekter Kosten auf 482 Euro ansteigen.

Da weniger als ein Viertel der Erwachsenen die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation von 150 Minuten Bewegung pro Woche erreicht, gewinnt die Gestaltung gesundheitsfördernder Arbeitsumgebungen – gerade in der sesshaften IT- und Gaming-Branche – zusätzlich an Bedeutung.

Fachleute betonen dabei, dass isolierte Maßnahmen wie eine 4-Tage-Woche allein nicht ausreichen, sondern durch klare Zuständigkeiten, verlässliche Planung und wertschätzende Führung ergänzt werden müssen.

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