Arbeitssucht: Jeder zehnte Erwerbstätige arbeitet suchthaft
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 03:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Beiträge setzen sich kritisch mit den negativen Auswirkungen von exzessivem Leistungsdruck und der ständigen Suche nach Dopamin-Reizen auf die psychische Gesundheit von Erwerbstätigen auseinander. Dabei rücken insbesondere das Phänomen des suchthaften Arbeitens sowie die ökonomischen Folgen chronischer Erschöpfung in den Fokus der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte.
Definition und Verbreitung von Arbeitssucht
Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) definiert suchthaftes Arbeiten als ein Verhalten, das sowohl exzessiv als auch zwanghaft geprägt ist. Betroffene verspüren ein dauerhaftes Bedürfnis zu arbeiten und leiden unter einem schlechten Gewissen, sobald sie sich Freizeit nehmen.
Eine gemeinsame Studie des BIBB und der TU Braunschweig aus dem Jahr 2023, für die rund 8.000 Erwerbstätige befragt wurden, kam zu dem Ergebnis, dass etwa ein Zehntel der Erwerbstätigen in Deutschland suchthaft arbeitet.
Ergänzende Analysen des TÜV Rheinland verdeutlichen die gesundheitlichen Risiken dieser Entwicklung. Demnach erhöhe eine tägliche Mehrarbeit von drei bis vier Stunden das Risiko, an einer Depression zu erkranken, signifikant.
Chronischer Stress manifestiert sich dabei nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Mediziner beobachten Symptome wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden sowie Herzrasen. In Phasen extremer Belastung kann der systolische Blutdruck auf über 200 mmHg steigen.
Während sich Alltagsschwankungen normalerweise innerhalb kurzer Zeit normalisieren, verbleiben die Werte bei chronischem Dauerstress teils bei bis zu 180 mmHg, was das Risiko für Infarkte und Schlaganfälle massiv steigert.
Die Situation in Österreich: Hohes Stressniveau und Präsentismus
In Österreich zeichnet die Mavie Stress-Studie aus dem Jahr 2026 ein deutliches Bild der Belastungssituation. Von den 1.002 befragten Personen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren gaben 67 Prozent an, oft oder sehr oft gestresst zu sein. Dabei weisen Frauen mit 73 Prozent ein höheres Stressniveau auf als Männer mit 61 Prozent.
Ein besorgniserregender Befund der Erhebung ist das Ausmaß des Präsentismus: 83 Prozent der Befragten gaben an, trotz mentaler Erschöpfung zur Arbeit zu gehen.
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Als Hauptgrund für dieses Verhalten nannten 39 bis 40 Prozent der Teilnehmenden finanziellen Druck. Zudem gaben 54 Prozent an, sich verstärkt psychosoziale Angebote zu wünschen.
Die Belastung betrifft dabei alle Hierarchieebenen; 56 Prozent der Befragten erleben auch ihre Führungskräfte als gestresst. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Mitarbeiterbindung: 20 Prozent der Angestellten denken aufgrund des Stresslevels über einen Jobwechsel nach. Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich: Laut EU-OSHA kosten psychische Erkrankungen den Standort Österreich jährlich rund 15 Milliarden Euro.
Ökonomische Auswirkungen und Herausforderungen für Berufseinsteiger
Auch in Deutschland sind die wirtschaftlichen Folgen der Überlastung spürbar. Daten von Epassi Deutschland beziffern die Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall für das Jahr 2024 auf rund 82 Milliarden Euro, wobei Beschäftigte im Schnitt 22,3 Fehltage verzeichneten.
Gleichzeitig melden 86 Prozent der Personalentscheider Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung. Laut der "Great Employee Benefits Study 2026" würden 39 Prozent der Beschäftigten in Deutschland – in der Generation Z sogar 54 Prozent – eine Stelle ablehnen, wenn das angebotene Benefit-Paket unzureichend ist.
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Besonders gefährdet zeigen sich Auszubildende. Eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter 929 Azubis ergab, dass zwar 88 Prozent grundsätzlich zufrieden sind, jedoch 22 Prozent bereits einen Abbruch der Ausbildung erwogen haben.
Unter den psychisch Belasteten steigt dieser Anteil auf 73,6 Prozent. Als Gründe für einen drohenden Abbruch nannten 39,6 Prozent die psychische Belastung und 30,8 Prozent eine mangelhafte Work-Life-Balance. Problematisch bleibt die Kommunikation: Nur 18,5 Prozent der Betriebe wissen laut der Studie von den psychischen Problemen ihrer Auszubildenden.
Neue Trends und die Rolle digitaler Medien
In der Suche nach Entlastung oder schnellen Belohnungseffekten gewinnen Trends wie "Dopamin-Shops" an Bedeutung, die vor allem in Südkorea verbreitet sind. Diese simulieren den Vorgang des Online-Shoppings ohne tatsächlichen Kauf. Fachleute wie der Medienpsychologe Jan Michael Rasimus halten dies für ein plausibles Mittel, um spontane Kaufimpulse abzufangen, warnen jedoch bei bestehender Kaufsucht vor einer Verstärkung der Reize.
Kritisch wird zudem die zunehmende Psychoedukation über soziale Medien bewertet. Experten wie Elisabeth Dallüge und Psychotherapeuten wie Miriam Junge warnen vor einer permanenten Selbstbeobachtung. Wenn psychologische Inhalte regelmäßig zu erhöhter Angst, Scham oder ständigen Selbstdiagnosen per Checkliste führen, sei dies ein deutliches Warnsignal.
Fachleute betonen, dass normale Emotionen wie Traurigkeit oder Wut nicht automatisch krankhaft sind und professionelle Hilfe bei chronischer Erschöpfung, die oft mehrere Wochen zur Regeneration benötigt, unerlässlich bleibt.
