Arbeitsrecht-Reform: Ärzte warnen vor 100.000 zusätzlichen Patienten täglich
04.07.2026 - 02:18:32 | boerse-global.de
Im Kern: Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft, die Attestpflicht gilt künftig ab dem ersten Krankheitstag. Während die Regierung von einer Rückkehr zu bewährten Standards spricht, warnen Mediziner und Krankenkassen vor einer Überlastung des Gesundheitssystems.
Rückkehr zur Präsenzpflicht beim Arzt
Arbeitnehmer müssen ihre Erkrankung künftig bereits am ersten Tag ärztlich bescheinigen lassen. Die seit 1994 geltende Drei-Tage-Frist entfällt damit. Bundeskanzler Merz betonte: Erkrankte müssten nicht zwingend am ersten Tag physisch in der Praxis erscheinen – die formelle AU müsse aber vorliegen.
Die telefonische Krankschreibung wird vollständig gestrichen. Gesundheitsministerin Warken verweist stattdessen auf den Ausbau von Videosprechstunden. Gleichzeitig plant das Ministerium Teilkrankschreibungen in Abstufungen von 25, 50 und 75 Prozent – für eine flexiblere Rückkehr in den Job.
Angesichts der neuen gesetzlichen Regelungen zum Krankenstand müssen auch die rechtlichen Grundlagen im Betrieb stimmen. Ein aktueller Gratis-Report enthüllt, welche Standardklauseln seit der Gesetzesänderung nicht mehr zulässig sind – und wie Sie sich absichern. Lauern auch in Ihren Arbeitsverträgen diese 6 gefährlichen Fallen?
Ärzte warnen vor Patientenansturm
Die Reaktionen aus der medizinischen Praxis sind scharf. KBV-Chef Andreas Gassen spricht von einem Versuch, „kranke Menschen ohne medizinische Notwendigkeit in die Praxen zu drängen“. Seine Berechnungen: Täglich über 100.000 zusätzliche Patientenbesuche drohen.
Auch DAK-Chef Andreas Storm warnt vor einem „Chaos in den Hausarztpraxen“. Sein Argument: Die telefonische Krankschreibung machte zwischen 2020 und 2023 nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen aus – als Ursache für hohen Krankenstand taugt sie kaum. Der Hausärzteverband fürchtet zudem weniger Zeit für chronisch Kranke durch die zusätzliche Bürokratie.
Koalition uneins, Gewerkschaften empört
Nach dem Beschluss vom 2. Juli zeichnen sich Risse in der Regierung ab. Unionspolitiker wie Jens Spahn verteidigen die Reform als Mittel gegen kurzfristige Fehlzeiten ohne echte Erkrankung. Die SPD zeigt sich distanzierter: Chef Klingbeil und Bundestagspräsidentin Bas pochen auf eine „vernünftige Umsetzung“ und verweisen auf bestehende Tarifverträge.
Gewerkschaften wie Verdi und der DGB sprechen von einer „Misstrauenskultur“ gegenüber Beschäftigten. Der Bamberger Soziologe Marvin Reuter erwartet keinen Rückgang des Krankenstands, sondern mehr Präsentismus – also Arbeiten trotz Krankheit. Die Folge: höhere psychische Belastung und längere Genesungszeiten.
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Weitere Reformen im Paket
Das Maßnahmenpaket enthält noch mehr:
- Befristungen: Die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen soll auf bis zu vier Jahre ausgeweitet werden.
- Steuerreform: 2027 sind Entlastungen für kleine und mittlere Einkommen geplant. Der Spitzensteuersatz für Einkommen ab 250.000 Euro soll auf 45 bis 47 Prozent steigen.
- Haushaltsdisziplin: Für 2027 sieht die Koalition Einsparvorgaben von einem Prozent pro Ressort vor – rund vier Milliarden Euro.
Das IW Köln rechnet mit Mehreinnahmen von etwa drei Milliarden Euro durch die Steueränderungen, warnt aber vor einer Mehrbelastung des Mittelstands. Die genaue gesetzliche Ausgestaltung steht laut Regierung in den kommenden Monaten an.
