Arbeitsbelastung: Knapp 40 Prozent der Unternehmen melden mehr Druck
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 16:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Zahlreiche Initiativen, wissenschaftliche Untersuchungen und praxisorientierte Publikationen widmen sich verstärkt Strategien, um die mentale Widerstandskraft gezielt auszubauen. Im Fokus steht dabei die Frage, wie Fach- und Führungskräfte Ängste neu bewerten, Stressoren als Herausforderungen begreifen und in Phasen hoher Belastung kognitiv stabil bleiben können.
Kognitive Mechanismen und neurologische Grundlagen
Wissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem aus den Neurowissenschaften, belegen, dass mentale Zähigkeit trainierbar ist. Eine ausgeprägtere Resilienz korreliert mit messbarer Aktivität im präfrontalen Kortex sowie einer optimierten Regulierung des Stresshormons Cortisol.
Eine Untersuchung der Stanford University zeigt in diesem Zusammenhang, dass die bewusste Umdeutung von Stress als Herausforderung statt als Bedrohung den Cortisolspiegel senkt und die Entscheidungsfindung verbessert.
Zu den wirksamen Ansätzen zählen außerdem regelmäßige Selbstreflexion, gezielte Stress-Inokulation durch dosierte Herausforderungen, SMART-Ziele sowie tägliche Achtsamkeitseinheiten von zehn Minuten.
Wie wichtig die kognitive Steuerung bis zur letzten Sekunde einer Handlung ist, unterstreicht auch die Sportpsychologie. Unter Verweis auf die Handlungskontrolltheorie von Julius Kuhl aus den Jahren 1985 und 1994 erklärt der Sportpsychologe Thorsten Loch Fehlwürfe im Sport nach eigentlich erfolgreichen Aktionen: Sobald sich der Fokus unbemerkt von der Handlungsorientierung zur Lageorientierung verschiebt, wird das Geschehen innerlich bereits bewertet oder vorzeitig mental abgeschlossen.
Um Fehler unter Druck zu vermeiden, gelte es, die Aufmerksamkeit ruhig und fokussiert bei der Handlung zu halten, bis die Ausführung tatsächlich vollständig abgeschlossen ist.
Belastungsfaktoren in Arbeitswelt und Organisationen
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Die Notwendigkeit mentaler Bewältigungsstrategien spiegelt sich in aktuellen Betriebsdaten wider. Eine Personalleiterbefragung des ifo-Instituts und von Randstad ergab, dass knapp 40 % der Unternehmen über ein steigendes Arbeitspensum bei Beschäftigten berichten; nur in rund 20 % der Betriebe sank die Arbeitsbelastung in den vergangenen zwölf Monaten. Zudem verzeichnete mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen eine zunehmende mentale Belastung, während lediglich 3 % einen Rückgang meldeten.
Besonders drastisch zeigt sich der Druck in technologischen Bereichen. Laut der Studie „Under Pressure: Mental Health Challenges in IT & Security Roles“ von Object First und Dynata fühlen sich 71 % der deutschen IT-Fachkräfte durch Bedrohungen gestresst, die durch künstliche Intelligenz gestützt werden.
Während 54 % angeben, dass KI-Tools ihre Produktivität erhöhen, stufen lediglich 20 % ihr Unternehmen als gut auf KI-bezogene Gefahren vorbereitet ein.
Insgesamt stehen 32 % der Befragten mindestens einmal pro Woche wegen IT-Sicherheitsrisiken unter Stress, während sich nur 33 % von ihrem Arbeitgeber im Bereich der psychischen Gesundheit unterstützt fühlen. Zwei Drittel der Betroffenen (66 %) ziehen einen Jobwechsel in Betracht oder suchen bereits aktiv danach.
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Strukturelle Ansätze und Erholungsmodelle
Um Überlastungen entgegenzuwirken, entstehen branchenspezifische Leitfäden. Das Netzwerk Recherche erarbeitete auf Basis von Gesprächen mit 90 redaktionellen Führungskräften, Betriebsräten und Personalverantwortlichen den Praxisleitfaden „Stark unter Druck“.
Die Publikation wurde von Malte Werner, Prof. Dr. Barbara Hans und Juliana Ruhfus verfasst und im Rahmen einer Förderung durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien realisiert. Ergänzend behandelt der Podcast „Lead Forward“ des Harvard Business Manager Strategien für Führungskräfte, um das Vertagen von Entscheidungen und den Rückzug bei Dauerstress zu vermeiden.
Neben betrieblichen Anpassungen bleibt die individuelle Regeneration entscheidend. Die Arbeits- und Organisationspsychologie verweist hierbei auf das sogenannte DRAMMA-Modell, das sechs zentrale Faktoren für echte Regeneration definiert: mentales Abschalten von dienstlichen Inhalten, körperliches Entspannen, Selbstbestimmung in der Freizeitgestaltung, das Erleben eigener Kompetenz abseits der Erwerbsarbeit, sinnstiftende Tätigkeiten sowie positiv erlebte soziale Verbundenheit. Erst das Zusammenspiel aus struktureller Entlastung und gezielter kognitiver Erholung sichert langfristig die mentale Leistungsfähigkeit unter Druck.
