Arbeitsbelastung: 2,5-mal mehr Erschöpfung als vor Corona
Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 20:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Notwendigkeit, im Berufsalltag klare Grenzen zu setzen, rückt verstärkt in den Fokus der betrieblichen Gesundheitsvorsorge. Aktuelle Ratgeber und Analysen betonen die Bedeutung des Nein-Sagens als wesentliches Instrument zur Prävention von Burnout. Angesichts steigender Belastungszahlen wird die Fähigkeit zur professionellen Abgrenzung als Kernkompetenz für den Erhalt der langfristigen Arbeitsfähigkeit eingestuft.
Wachsender Erschöpfungsgrad in der Arbeitswelt
Datenauswertungen verdeutlichen eine signifikante Zunahme von Belastungssymptomen in den vergangenen Jahren. In einer Analyse von Arbeitgeberbewertungen auf der Plattform Glassdoor für das erste Quartal 2026 wurde festgestellt, dass Beschäftigte 2,5-mal häufiger von Erschöpfung berichteten als noch vor der Pandemie.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der für Österreich repräsentativen Mavie Stress-Studie 2026 wider, für die 1.002 Personen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren befragt wurden. Demnach gaben 67 Prozent der Teilnehmer an, oft oder sehr oft gestresst zu sein. Für 60 Prozent der Befragten stellt der Beruf den größten Stressfaktor dar.
Besonders kritisch wird bewertet, dass 83 Prozent trotz mentaler Erschöpfung ihrer Arbeit nachgehen. Zudem nehmen 56 Prozent ihre Führungskräfte ebenfalls als gestresst wahr, während 20 Prozent der Befragten bereits konkret über einen Jobwechsel nachdenken. Vor diesem Hintergrund äußerten 54 Prozent den Wunsch nach psychosozialen Unterstützungsangeboten.
Strategien zur aktiven Abgrenzung
Um einer Überlastung entgegenzuwirken, empfehlen Experten eine bewusste Kommunikation bei drohender Vollauslastung. Anstatt zusätzliche Aufgaben ohne Vorbehalt anzunehmen, sollten Beschäftigte das Gespräch mit ihrer Führungskraft suchen, um Prioritäten zu klären.
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Dieser Ansatz verlagert die Entscheidung über die Dringlichkeit zurück in den Verantwortungsbereich des Managements und entlastet den Einzelnen von der alleinigen Verantwortung für die Bewältigung eines zu hohen Arbeitspensums.
Die Risiken einer dauerhaften Überlastung sind wissenschaftlich belegt. Laut Einschätzung eines Experten des TÜV Rheinland ist eine regelmäßige tägliche Mehrarbeit von drei bis vier Stunden mit einem deutlich erhöhten Risiko für Depressionen verbunden.
Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der TU Braunschweig aus dem Jahr 2023, die auf Daten von 8.000 Erwerbstätigen basiert, kam zu dem Ergebnis, dass rund ein Zehntel der Erwerbstätigen in Deutschland ein suchthaftes Arbeitsverhalten zeigt. Obwohl für Arbeitssucht keine klinische Diagnose existiert, sind die gesundheitlichen Folgen gravierend.
Diskrepanz bei der Wahrnehmung psychischer Belastungen
Besonders deutlich wird die Problematik bei Nachwuchskräften. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter 929 Auszubildenden zeigt, dass zwar 88 Prozent grundsätzlich zufrieden mit ihrer Ausbildung sind, aber 22 Prozent bereits ernsthaft einen Abbruch erwogen haben. Unter den psychisch belasteten Auszubildenden steigt dieser Anteil auf 73,6 Prozent.
Als Grund für einen Abbruch nannten 39,6 Prozent der Betroffenen die psychische Belastung. Hier offenbart sich eine Wahrnehmungslücke in den Betrieben: Lediglich 18,5 Prozent der Unternehmen gaben an, von psychischen Problemen ihrer Auszubildenden zu wissen. Über 70 Prozent der Betriebe gehen hingegen davon aus, dass in ihrer Belegschaft keine derartigen Fälle vorliegen.
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Gesundheitliche Folgen und arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen
Chronischer Stress manifestiert sich auf verschiedenen Ebenen. Körperlich äußert er sich unter anderem durch Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden, Verspannungen oder Herzrasen.
Emotional können Reizbarkeit, Angst und Niedergeschlagenheit auftreten, während mental Konzentrationsprobleme und Gedankenkreisen dominieren. Fachleute weisen darauf hin, dass die Erholung nach intensiven Stressphasen mehrere Wochen in Anspruch nehmen kann.
Im Falle einer krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit gelten klare arbeitsrechtliche Regeln. Eine Krankschreibung entbindet von der Arbeitspflicht, was ausdrücklich auch für Tätigkeiten im Homeoffice gilt. Während Arbeitgeber ihre Angestellten kontaktieren dürfen, besteht für diese keine Pflicht zur ständigen Erreichbarkeit.
Unangekündigte Kontrollbesuche im privaten Raum sind unzulässig. Eine Kündigung während der Krankheit ist zwar rechtlich nicht ausgeschlossen, unterliegt jedoch hohen Hürden, wie einer negativen Gesundheitsprognose und einer erheblichen Beeinträchtigung betrieblicher Interessen.
