Apothekertag, München

Apothekertag München: Hälfte aller Arzneien ohne Arztbesuch abgegeben

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 14:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Der Apothekertag zeigt Zustimmung für neue Leistungen, aber auch Konflikte mit Ärzteschaft und Kassen über Zuständigkeiten und Finanzierung.

Apotheken in der Primärversorgung: Streit um Aufgaben und Vergütung
Ein minimalistisch eingerichteter, heller Behandlungsraum in einer Arztpraxis mit Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Beim Deutschen Apothekertag in München stand beim Themenforum „Primärversorgung der Zukunft" eine Frage im Mittelpunkt, die den Gesundheitssektor seit Längerem umtreibt: Sollen Apotheken stärker in die medizinische Grundversorgung eingebunden werden, um Hausarztpraxen bei der Betreuung chronisch Kranker zu entlasten? Die Debatte offenbarte deutliche Interessengegensätze zwischen Apothekerschaft, Krankenkassen, Politik und Ärzteschaft.

Apotheken als erste Anlaufstelle

ABDA-Präsident Thomas Preis untermauerte die Position der Apothekerschaft mit einer Zahl: Rund die Hälfte aller Arzneimittelpackungen werde an Patienten abgegeben, die zuvor keinen Arzt aufgesucht hätten. Für die Apothekerschaft ist das ein Beleg dafür, dass Apotheken de facto längst eine niedrigschwellige Versorgungsfunktion übernehmen – formal aber bislang kaum abgebildet und vergütet werde.

Rückenwind erhielt diese Position von Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann, der bei seinem ersten Auftritt vor der Gesundheitslobby Apothekern einen festen Platz in der Primärversorgung für den niedrigschwelligen Zugang in Aussicht stellte.

Auch Apothekerkammer-Bayern-Präsidentin Scharpf forderte eine stärkere Einbindung der Apotheken in die Prävention, etwa bei der Adipositas-Früherkennung und der Tabakentwöhnung, sowie ein Kassenbudget für Eltern-Medikamente. Die CSU-Landtagsabgeordnete Trautner bezeichnete Apotheken als wichtigen Partner im Versorgungssystem.

Kassen fordern durchgehende Versorgungskette

BKK-Vorständin Klemm brachte aus Sicht der Krankenkassen eine strukturelle Forderung ein: Es brauche eine durchgehende Versorgungskette ohne Doppelstrukturen und ohne Doppelvergütungen.

Zudem plädierte sie für eine digital gestützte Ersteinschätzung, wofür sie auf die elektronische Patientenakte setzt. Genau diese digital unterstützte Ersteinschätzung – ob in der Arztpraxis oder in der Apotheke – wurde beim Themenforum als möglicher Baustein einer künftigen Aufgabenteilung diskutiert.

Der CSU-Politiker Theiss mahnte hingegen zur Vorsicht und warnte vor einer Überversorgung, sollten Kompetenzen unkoordiniert ausgeweitet werden. Sein Parteikollege Pilsinger positionierte sich differenzierter: Er forderte mehr Point-of-Care-Testing in Apotheken, machte aber deutlich, dass die eigentliche Diagnosestellung ärztlich bleiben müsse.

Ärzteschaft warnt vor Kompetenzverschiebung

Deutlichen Widerspruch kam vom KBV-Vorstand rund um Gassen, Hofmeister und Steiner. Anlässlich des Welttags der Patientensicherheit stellten sie klar, dass Diagnostik aus ihrer Sicht nicht in Apotheken und Drogerien gehöre – die rund 100.000 Arztpraxen in Deutschland seien und blieben die erste Anlaufstelle für Patienten.

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Auf dem Deutschen Apothekertag in München wurde deutlich: Apotheken übernehmen längst niedrigschwellige Versorgung — rund die Hälfte aller Arzneimittelpackungen geht an Patienten ohne vorherigen Arztbesuch. Formal vergütet ist das kaum. Wer jetzt die richtigen Leistungen aufbaut und die Vergütungsfragen klärt, sichert sich einen Vorsprung, bevor die Konkurrenz nachzieht. Kostenlosen Leitfaden zur Primärversorgung anfordern

Die KBV setzt parallel auf eigene Akzente: Ab Anfang Oktober startet die Kampagne „Impfen beim Profi", die die ärztliche Rolle bei Impfungen unterstreichen soll. APS-Vize Stier ergänzte die Debatte um einen technischen Aspekt und forderte mehr Digitalisierung im Interesse der Patientensicherheit.

Vergütungsfragen als Kernproblem

Hinter der Debatte um Zuständigkeiten steht handfest die Frage der Finanzierung. Abda-Hauptgeschäftsführerin Erdle verwies darauf, dass der erhöhte Kassenabschlag im Beitragsstabilisierungsgesetz nicht verhindert werden konnte, während die PTA-Vertretungsregelung immerhin entschärft und auf fünf Jahre befristet wurde.

Am Beispiel der assistierten Telemedizin zeigte sie die Diskrepanz zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern auf: Die gesetzliche Krankenversicherung hatte ein Startangebot von 5,45 Euro vorgelegt, die Schiedsstelle setzte schließlich eine degressiv gestaltete Anfangsvergütung von 30 Euro fest.

ABDA-Vizepräsidentin Lucas machte deutlich, dass neue Leistungen aus ihrer Sicht nur mit einer Vergütung übernommen werden könnten, die auch die Fachkraftkosten abdeckt – die Qualität der Vor-Ort-Apotheke dürfe dabei nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Preis nutzte das Forum zudem, um ein Gesetzesverbot des Zuzahlungsverzichts ausländischer Versandhändler zu fordern. Linnemann bezeichnete diese Werbepraxis als Wettbewerbsverzerrung. Als weiteres Politikfeld nannte der Minister die Entwicklung beim Medizinalcannabis-Import, der von 30 Tonnen vor drei Jahren auf 300 Tonnen im laufenden Jahr gestiegen sei.

Bevölkerung offen für neue Apothekenleistungen

Wie aufgeschlossen die Bevölkerung gegenüber einer erweiterten Apothekenrolle ist, zeigt eine Civey-Umfrage im Auftrag von Pharma Deutschland, für die zwischen dem 9. und 15. September 2026 rund 5.000 Personen befragt wurden (Fehlertoleranz 2,5 Prozent, Mehrfachnennungen möglich).

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Der Kassenabschlag im Beitragsstabilisierungsgesetz ließ sich nicht verhindern, die PTA-Vertretungsregelung wurde nur befristet entschärft — und bei neuen Leistungen entscheidet die Schiedsstelle, nicht die Kasse. Wer die Vergütungslogik hinter Primärversorgungsleistungen nicht kennt, verhandelt auf verlorenem Posten. Dieser Leitfaden zeigt anhand konkreter Praxisbeispiele, welche Sätze realistisch sind. Vergütungs-Praxisbeispiele jetzt sichern

Demnach können sich 36,2 Prozent Impfungen in der Apotheke vorstellen, 32,9 Prozent eine Impfberatung, 29,6 Prozent Blutuntersuchungen und 28,7 Prozent eine Medikationsplan-Analyse. Für eine allgemeine Gesundheitsberatung sprachen sich 25,8 Prozent aus, für Ernährungsberatung 21,1 Prozent und für DNA-Tests 19,9 Prozent der Befragten.

Die Zahlen verdeutlichen, dass in der Bevölkerung durchaus eine Basis für neue Apothekenangebote existiert – wie diese jedoch mit ärztlichen Zuständigkeiten, Vergütungsstrukturen und Qualitätssicherung in Einklang gebracht werden, bleibt zwischen den beteiligten Akteuren umstritten.

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