Apothekenreform, Impfungen

Apothekenreform: Impfungen und Blutabnahmen ab sofort erlaubt

29.06.2026 - 01:04:31 | boerse-global.de

Die größte Apothekenreform seit Jahren bringt erweiterte Dienstleistungen und flexiblere Öffnungszeiten, doch viele Apotheker zögern noch.

Apothekenreform 2026: Neue Regeln für Medikamente und Öffnungszeiten
Apothekenreform - Eine Apothekerin impft einen Patienten in einer modernen Apotheke, symbolisiert die neue Apothekenreform. 29.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Das Apothekenversorgungs-Weiterentwicklungsgesetz erlaubt künftig mehr Dienstleistungen und flexiblere Öffnungszeiten – doch viele Apotheker zögern noch.

Neue Regeln für verschreibungspflichtige Medikamente

Das Gesetz, das der Bundesrat am 12. Juni 2026 verabschiedete, bringt eine grundlegende Änderung bei der Langzeitmedikation. Apotheken dürfen künftig verschreibungspflichtige Arzneimittel ohne aktuelle ärztliche Verordnung abgeben – allerdings nur unter strengen Auflagen. Die Regelung gilt ausschließlich für Behandlungen, die mindestens drei Quartale andauern. Patienten erhalten dann lediglich die kleinste Packungsgröße und müssen die Kosten selbst tragen.

Apotheken als medizinische Anlaufstellen

Die Reform erweitert das Leistungsspektrum der Apotheken erheblich. Künftig dürfen sie Totimpfstoffe verabreichen, venöse Blutabnahmen für Selbstzahler durchführen, Schnelltests anbieten und erweiterte pharmazeutische Beratungen durchführen – Aufgaben, die bislang Arztpraxen vorbehalten waren.

Doch viele Apotheker halten sich zurück. Christine Schulz, Inhaberin der Danneil-Apotheke, berichtet, dass wesentliche Details noch fehlen. Konkrete Vorgaben zur erforderlichen Personalschulung, zu Raumausstattungen und standardisierten Arbeitsabläufen stünden noch aus. Ohne diese könnten Impfungen und Blutabnahmen nicht sofort angeboten werden.

Flexiblere Öffnungszeiten geplant

Parallel zum Reformgesetz hat das Bundesgesundheitsministerium eine neue Verordnung vorgeschlagen, die Apotheken mehr betriebliche Flexibilität einräumen soll. Künftig wäre nur noch eine Dienstbereitschaft von maximal sechs Stunden an Werktagen und drei Stunden samstags erforderlich. Das wäre eine deutliche Abkehr von den bisher starren Vorgaben, etwa der Pflicht zur Öffnung von 8:00 bis 14:00 Uhr am Samstag.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen wären beträchtlich. Analysten schätzen, dass bei 1.000 Apotheken, die ihre wöchentliche Betriebszeit um zwölf Stunden reduzieren, jährlich rund 40 Millionen Euro Personalkosten eingespart werden könnten. Der Gesundheitsausschuss empfiehlt präzisere Regelungen – sechs Stunden tägliche Verfügbarkeit zwischen 8:00 und 18:00 Uhr. Patientenschützer warnen jedoch vor einer Verschlechterung der Arzneimittelversorgung auf dem Land. Der Bundesrat stimmt am 10. Juli 2026 über die Verordnung ab.

Digitalisierung schreitet voran

Die digitale Entwicklung im Apothekenmarkt zeigt sich am Beispiel der ecsec GmbH. Das Unternehmen wurde 2009 als epotheke.com gegründet und entwickelte zunächst Lösungen für E-Rezepte. Obwohl dieser Ansatz damals seiner Zeit voraus war, nutzte die Firma Fördermittel von Bayern Innovativ und wechselte zu elektronischen Identifikationsdiensten. Heute bietet ecsec europaweit Systeme für elektronische Geschäftsprozesse, darunter eCard-Dienste und elektronische ID-Authentifizierung.

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Große Defizite bei der Medikamentenversorgung von Senioren

Während sich die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse die anhaltenden praktischen Probleme. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen mit 102 Teilnehmern über 70 Jahren, die mindestens fünf Medikamente einnehmen, offenbarte erhebliche Versorgungslücken.

20 Prozent der Probanden hatten ihre notwendigen Medikamente vollständig aufgebraucht. Fünf Prozent gaben an, verschiedene Arzneimittel verwechselt zu haben. 40 Prozent hatten Schwierigkeiten mit Augentropfen, fast 20 Prozent kämpften mit der Verpackungsöffnung. Besonders alarmierend: 15 Prozent der Senioren verstanden nicht, warum sie ihre spezifische Medikamentenkombination einnehmen mussten. Die Studienautoren fordern mehr tägliche Unterstützung und pharmazeutische Beratung.

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Neue Produkte und Marktveränderungen

Das regulatorische Umfeld beeinflusst auch die Produktverfügbarkeit:

  • OTC-Umstellung: Seit April 2026 ist eine Kombination aus Prednisolon 0,2 Prozent und Salicylsäure 0,4 Prozent zur Kopfhautbehandlung rezeptfrei erhältlich. Das Präparat Linola Akut ist für die kurzfristige Anwendung bei Erwachsenen zugelassen.

  • Cannabis-Medikament: Am 9. Juni 2026 wurde Exilby als erstes cannabisbasiertes Arzneimittel gegen chronische Rückenschmerzen in Deutschland zugelassen. Der Markteintritt wird für August oder September 2026 erwartet. Nach den ersten sechs Monaten beginnt der Hersteller Vertanical Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband.

  • Lagerungshinweise: Experten von ADREXpharma GmbH warnen vor unsachgemäßer Lagerung von medizinischem Cannabis. Bestimmte Feuchtigkeitsregulatoren seien pharmakologisch nicht validiert und könnten Schimmelbildung begünstigen. Apotheken sollten Patienten klarere Lagerungsanweisungen geben.

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