Apothekenreform, Blutabnahme

Apothekenreform: Blutabnahme und Impfungen ab Juli erlaubt

27.05.2026 - 23:30:09 | boerse-global.de

Bundestag verabschiedet Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken mit erweiterten medizinischen Aufgaben und steigenden Honoraren.

Apothekenreform: Blutabnahme und Impfungen ab Juli erlaubt - Foto: über boerse-global.de
Apothekenreform: Blutabnahme und Impfungen ab Juli erlaubt - Foto: über boerse-global.de

Mai 2026 das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) verabschiedet. Die Koalition aus CDU/CSU und SPD setzt damit auf eine Stärkung der Vor-Ort-Apotheken – und erweitert deren medizinische Befugnisse deutlich.

Mehr Geld, mehr Aufgaben: Das ändert sich für Apotheken

Gesundheitsministerin Nina Warken stellt die Reform als notwendige Modernisierung dar. Das Kernstück: Die strukturelle Neuordnung der Apothekenvergütung. Das Fixum pro verschriebener Packung steigt in zwei Schritten – zunächst auf 9,00 Euro zum 1. Juli, dann auf 9,50 Euro ab Januar 2027.

Auch der Notdienst wird besser vergütet. Der Zuschlag steigt von 21 auf 41 Cent pro Packung. Apotheken, die zwischen 20 und 22 Uhr teilweise Notdienst anbieten, erhalten künftig 20 Prozent des vollen Satzes.

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Doch die Reform geht weit über Finanzen hinaus. Apotheker dürfen künftig alle inaktivierten Impfstoffe verabreichen – darunter Tetanus und FSME. Hinzu kommt die venöse Blutabnahme nach entsprechender Schulung sowie Schnelltests auf Influenza und Norovirus als Selbstzahlerleistung.

„Wir nutzen die Apotheken als Gesundheitszentren vor Ort“, so Warken. Die Maßnahmen sollen Bürokratie abbauen, den Beruf attraktiver machen und die Prävention stärken – etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Tabakentwöhnung.

Ärzte warnen vor gefährlichem „Praxen light“-Modell

Die Ausweitung der Apothekenkompetenzen stößt auf heftigen Widerstand der Ärzteschaft. Christian Fleischhauer vom Thüringer Hausärzteverband spricht von einem gefährlichen Schritt: Blutabnahmen und Impfungen gehörten in die Hände von Medizinern. Kritiker bezeichnen das Modell bereits als „Hausarztpraxis light“ – mit Risiken für die Patientensicherheit.

Auch die Krankenkassen schlagen Alarm. Der GKV-Spitzenverband rechnet mit zusätzlichen Kosten von 875 Millionen bis über einer Milliarde Euro pro Jahr. Die Grünen und die Linke kritisieren fehlende Gegenfinanzierung.

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Unterstützung kommt dagegen vom Apothekerverband Baden-Württemberg (LAV). Man begrüße die Entscheidung, die Apotheken als Gesundheitsdienstleister zu stärken. Allerdings müsse der versprochene Festbetrag von 9,50 Euro schnell kommen, um die wirtschaftliche Stabilität zu sichern.

Stimmung in der Branche: Cannabis belastet zusätzlich

Die Reform kommt in einer schwierigen Phase. Der Geschäftsklimaindex für Apotheken ist laut APOkix-Umfrage vom Mai auf 58,0 Punkte gefallen – nach 61,7 Punkten im Vormonat. Die Erwartungen bleiben gedrückt.

Ein Hauptgrund: die Cannabis-Regulierung. 65 Prozent der Apotheker bewerten die aktuelle Gesetzgebung negativ. 83 Prozent vermuten, dass medizinisches Cannabis zunehmend für den Freizeitkonsum zweckentfremdet wird. 37 Prozent der Apotheken melden einen Anstieg bei Privatrezepten für Cannabis, während nur 23 Prozent mehr Kassenrezepte sehen.

Die Folge: 74 Prozent der Apotheker fordern strengere Regeln, 86 Prozent unterstützen ein Verbot des Online-Vertriebs von medizinischem Cannabis. Die Branche fürchtet steigende administrative und rechtliche Risiken.

Ausblick: Bundesrat entscheidet im Juni

Das Gesetz passierte den Bundestag, doch der Weg ist noch nicht zu Ende. Am 12. Juni 2026 prüft der Bundesrat die Reform. Zwar rechnet die Regierung mit Zustimmung, doch die Bedenken der Ärzte und Kassen könnten die finalen Verhandlungen beeinflussen.

Viele Details werden erst in nachgelagerten Verordnungen geregelt – etwa die genauen Schulungsanforderungen für Blutabnahmen. Ob die finanziellen Anreize ausreichen, um den Abwärtstrend zu stoppen, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Apotheken von morgen sollen mehr sein als reine Arzneimittelausgaben – ob das gelingt, entscheidet sich in den kommenden Monaten.

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