Apothekenkrise: Niedrigster Stand seit fast fünf Jahrzehnten
Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 02:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Vor dem Hintergrund des Deutschen Apothekertags und der expopharm in München hat der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (PHAGRO) Alarm geschlagen.
Verbandsvorsitzender Marcus Freitag forderte von Gesundheitsminister Linnemann faire Spielregeln und verlässliche Rahmenbedingungen für den vollversorgenden Großhandel und die Apotheken. Hintergrund ist die Sorge, dass die Arzneimittelversorgung angesichts zunehmender Lieferengpässe instabil zu werden droht.
Großhandel sieht wirtschaftliche Basis erodieren
Laut PHAGRO-Angaben verdient der Großhandel mittlerweile mit 65 Prozent der rezeptpflichtigen Arzneimittelpackungen kein Geld mehr. Der Verband vertritt nach eigenen Angaben acht Großhandlungen mit rund 26.300 Beschäftigten, die 2025 einen Umsatz von 45 Milliarden Euro erwirtschafteten.
Vor diesem Hintergrund kritisiert PHAGRO mehrere strukturelle Ungleichgewichte im Markt: EU-Versandapotheken würden beim Arzneimitteltransport nicht auf Temperaturvorgaben kontrolliert, obwohl inländische Akteure entsprechenden Auflagen unterliegen. Zudem fordert der Verband, den Erlass von Zuzahlungen bei GKV-Rezepten durch EU-Versender zu beenden.
Aus Sicht von PHAGRO droht die geplante Erhöhung der Patientenzuzahlung zum Turbo für Versender zu werden, da diese durch Zuzahlungserlasse einen Preisvorteil gegenüber stationären Apotheken erzielen könnten. Der Verband verlangt daher gesetzlichen Schutz vor Marktverzerrungen – insbesondere für den ländlichen Raum und die ambulante Pflege, wo Versorgungslücken besonders spürbar seien.
ABDA legt Fünf-Punkte-Plan vor
Auch die Standesvertretung der Apotheken, ABDA, positionierte sich zum Apothekertag, der vom 15. bis 17. September in München stattfindet. Sie legte einen Fünf-Punkte-Plan für eine starke Arzneimittelversorgung vor, der wirtschaftliche Stabilisierung, den Ausbau der Primärversorgung, Entbürokratisierung, die Eindämmung des ausländischen Versandhandels sowie mehr Krisenresilienz umfasst. Wie PHAGRO fordert auch ABDA ein Verbot des Zuzahlungserlasses durch EU-Versender.
Die Zahl der Apotheken ist auf 16.488 gefallen — der niedrigste Stand seit fast fünf Jahrzehnten. Wer die wirtschaftliche Lage seines Standorts belastbar einschätzen will, braucht die Struktur hinter den Schlagzeilen: Honorarentwicklung, Kassenabschlag und die geplanten Leistungsfelder. Kostenlosen Branchen-Report zur Apothekenkrise anfordern
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Honorarsituation der Apotheken. Zum 1. Juli wurde das Fixhonorar für rezeptpflichtige Medikamente von 8,35 auf 9,00 Euro erhöht, zum 1. Januar 2027 ist eine weitere Anhebung auf 9,50 Euro geplant. Zugleich soll der Kassenabschlag zum Jahreswechsel von 1,77 auf 2,07 Euro steigen.
Der ABDA-Apothekenklima-Index, für den 500 Personen befragt wurden, zeigt jedoch überwiegend Skepsis gegenüber der Honorarerhöhung: 39 Prozent halten sie ohne Dynamisierung für wertlos, 29 Prozent für inkonsequent, 15 Prozent erwarten kaum spürbare Effekte.
Apothekenzahl auf historischem Tiefstand
Die strukturellen Probleme spiegeln sich in der Apothekenzahl wider. Ende Juni 2026 gab es in Deutschland 16.488 Apotheken – ein Rückgang um 113 seit Jahresbeginn, bei 30 Neueröffnungen gegenüber 143 Schließungen.
ABDA-Präsident Preis sprach von der niedrigsten Apothekenzahl seit fast fünf Jahrzehnten und beklagte, man verliere immer noch viel zu viele Apotheken. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2025 hatte der Rückgang bei 238 Apotheken gelegen, was einem durchschnittlichen Netto-Verlust von mehr als vier Apotheken pro Woche entsprach.
Trotz dieser Entwicklung gibt es laut ABDA-Umfrage auch verhaltenen Optimismus: 38 Prozent der Apotheken erwarten eine Verschlechterung ihrer Lage, vor zwei Jahren waren es noch 63 Prozent gewesen.
Der Großhandel verdient laut PHAGRO mit 65 Prozent der rezeptpflichtigen Packungen kein Geld mehr — und EU-Versender werden beim Transport nicht auf Temperaturvorgaben kontrolliert. Wer die eigene Kalkulation gegen diese Wettbewerbsverzerrung absichern will, findet hier die belegbaren Zahlen und regulatorischen Streitpunkte. Analyse zur Wettbewerbslage jetzt sichern
Zudem will die Branche ihr Leistungsspektrum ausweiten – Preis zufolge könnte sich die Zahl der impfenden Apotheken, derzeit rund 3.000, verdoppeln. 19 Prozent der Apotheken impfen bereits und planen, weitere Impfungen anzubieten, 18 Prozent wollen künftig damit beginnen, und 40 Prozent planen zusätzliche pharmazeutische Dienstleistungen.
Künftig sollen Apotheken demnach verstärkt Impfungen, Blutabnahmen und Beratungsleistungen übernehmen – ein Schritt, der angesichts der schrumpfenden Apothekendichte vor allem der Primärversorgung zugutekommen soll.
