Apotheken-Krise: Honorar steigt, doch 14 Betriebe schließen
Veröffentlicht am: 26.07.2026 um 08:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der deutschen Apothekenlandschaft hat sich am 26. Juli 2026 die Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit lokaler Apotheken verschärft. Hintergrund ist die Nutzung rechtlicher Spielräume durch ausländische Versandapotheken, die über das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz Boni auf verschreibungspflichtige Arzneimittel (Rx-Boni) gewähren. Kritiker sehen darin eine gezielte Schwächung der Vor-Ort-Versorgung durch illegale Rabattmodelle.
Forderungen nach Verbot des Zuzahlungsverzichts
Der Präsident der ABDA (Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände), Thomas Preis, wandte sich in einem Schreiben an Bundesgesundheitsministerin Warken. Er forderte darin ein explizites Verbot des Zuzahlungsverzichts für ausländische Versanddienstleister. Diese Praxis wird von Branchenvertretern als wettbewerbsverzerrend eingestuft, da sie die gesetzlich vorgesehene Eigenbeteiligung der Patienten untergräbt.
Unterstützung erhält die ABDA von Seiten der Unionsfraktion. Die Abgeordneten Pilsinger (CSU) und Borchardt (CDU) sprachen sich ebenfalls für eine Unterbindung dieser Rabattgewährungen aus. Demgegenüber bewertete die Grünen-Politikerin Piechotta den Zuzahlungsverzicht als eine vorteilhafte Option für Patienten. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) betonte unterdessen die Notwendigkeit einheitlicher Abgabepreise und drohte bei Verstößen mit Bußgeldern von bis zu 50.000 Euro.
Rechtliche Unklarheiten und neue Marktteilnehmer
Die rechtliche Bewertung der Boni bleibt umstritten. Während die Apothekerkammer Nordrhein (AKNR) den Zuzahlungsverzicht als rechtswidrig einstuft, verweist der Versandhändler DocMorris auf Urteile des Bundesgerichtshofs (BGH) und des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), welche die Rechtmäßigkeit der Praxis stützen würden. Auch der GKV-Spitzenverband (GKV-SV) sieht die Rechtslage in diesem Punkt als noch nicht abschließend geklärt an.
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Zusätzliche Dynamik erhält der Markt durch den Einstieg neuer Akteure. Das Unternehmen Rossmann hat in Emmen (Niederlande) eine Versandapotheke gegründet. Von diesem Standort aus wird der bundesweite Versand von Medikamenten, einschließlich verschreibungspflichtiger Präparate via E-Rezept, abgewickelt. Das Unternehmen nutzt hierfür seine bestehende digitale Infrastruktur mit einer App-Basis von rund 12 Millionen Nutzern. Die Standortwahl in den Niederlanden ermöglicht es dem Unternehmen, Rx-Lieferungen nach Deutschland unter den dortigen rechtlichen Rahmenbedingungen durchzuführen.
FDP-Gesundheitssprecher Robert-Martin Montag forderte in diesem Zusammenhang strengere Auflagen und Sanktionen für den Versandhandel. Er unterstrich die Notwendigkeit gleicher Spielregeln für alle Marktteilnehmer, was auch die Einhaltung logistischer Standards wie Temperaturkontrollen sowie die Verfolgung illegaler Rx-Boni einschließe.
Strukturwandel und neue Honorarregelungen
Die Debatte fällt in eine Zeit des strukturellen Umbruchs für die deutschen Apotheken. Seit dem 1. Juli 2026 ist das Apothekenhonorar gestiegen; das Fixum wurde von 8,35 Euro auf 9 Euro angehoben. Eine weitere Erhöhung auf 9,50 Euro ist für den 1. Januar 2027 vorgesehen. Gleichzeitig steigt der Zwangsrabatt im Jahr 2027 um 30 Cent auf 2,07 Euro.
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Die wirtschaftliche Lage bleibt dennoch angespannt. Im Kammerbezirk Nordrhein wurden zum 1. Juli 2026 insgesamt 1.886 Apotheken verzeichnet. Im ersten Halbjahr 2026 standen dort vier Neueröffnungen insgesamt 14 Schließungen gegenüber, wobei allein in Düsseldorf zwei Betriebe aufgaben. Die ABDA warnt zudem vor Qualitätsverlusten durch geplante Reformen im Apotheken-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) und fordert die Streichung von Erleichterungen für Zweigapotheken, um das Prinzip der Einzelinhaberschaft zu wahren.
Um die Attraktivität der Vor-Ort-Apotheken zu steigern, bieten diese seit Anfang Juli assistierte Telemedizin an. Patienten können in separaten Räumlichkeiten Videosprechstunden nutzen, wobei die Apotheken die technische Infrastruktur bereitstellen. DAV-Vorstand Francke rechnet für die Startphase mit einigen hundert teilnehmenden Apotheken, deren Leistungen von den Krankenkassen übernommen werden.
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