Apotheken-Krise: 2.310 Betriebe geschlossen, Honorar steigt ab Juli
03.06.2026 - 15:09:33 | boerse-global.deDas Bundeskabinett beschloss am Dienstag die Erhöhung der Fixpauschale pro verschreibungspflichtigem Medikament von 8,35 auf 9,50 Euro – allerdings in zwei Schritten und nicht ohne Gegenwind aus dem eigenen Finanzministerium.
Zwei Stufen, eine Debatte
Die Erhöhung erfolgt gestaffelt: Zum 1. Juli steigt die Gebühr auf 9,00 Euro, zum 1. Januar 2027 dann auf 9,50 Euro. Seit 2013 hatte sich an der Vergütung nichts getan – ein Zustand, den die Branche seit Jahren beklagt.
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Doch der Weg zur Umsetzung war steinig. Aus dem Finanzministerium von Lars Klingbeil kamen Bedenken zur Gegenfinanzierung. Die Gesundheitsfinanzkommission brachte sogar einen noch langsameren Anstieg bis 2031 ins Spiel. Ein Kompromiss also, der niemanden wirklich glücklich macht.
Der Haken am Honorarplus
Die Freude über die höhere Vergütung könnte verfrüht sein. Denn parallel plant die Regierung, den Kassenabschlag – den Pflichtrabatt, den Apotheken an die Krankenkassen abführen müssen – von 1,77 auf 2,07 Euro anzuheben. ABDA-Präsident Thomas Preis warnt: „Das frisst einen Großteil des Honorarplus wieder auf."
Bleibt unterm Strich also kaum mehr in den Kassen der Apotheker. Kein Wunder, dass die Reaktionen verhalten ausfallen.
ApoVWG: Mehr Aufgaben, mehr Verantwortung
Das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG), das der Bundesrat am 12. Juni berät, bringt weit mehr als nur eine Honoraranpassung. Ab 2028 sollen die Vergütungen jährlich zwischen dem Deutschen Apothekerverband (DAV) und dem GKV-Spitzenverband neu verhandelt werden – ein Paradigmenwechsel weg von der staatlichen Festlegung.
Gleichzeitig erweitert das Gesetz die Befugnisse der Apotheker: Blutabnahmen, Impfungen und weitere pharmazeutische Dienstleistungen werden möglich. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht das kritisch. Doppelstrukturen, höhere Kosten und Verwirrung bei den Patienten – so lauten die Bedenken aus Ärzteschaft.
2.310 Apotheken weniger – der Markt schrumpft
Die Reform kommt nicht zu früh. Zwischen 2022 und 2025 schrumpfte die Zahl der Apotheken um zwölf Prozent – 2.310 Betriebe gaben auf. Ende März 2026 zählte Deutschland nur noch 16.541 Apotheken.
Der Druck kommt von mehreren Seiten. Europäische Versandhändler wie Redcare (Shop Apotheke) mit 1,6 Milliarden Euro Umsatz oder DocMorris mit über einer Milliarde Euro profitieren von unterschiedlichen Steuer- und Rabattregelungen. Traditionelle Vor-Ort-Apotheken haben das Nachsehen.
Eine Barmer-Studie aus dem Juni 2026 zeigt für das Saarland: 99 Prozent der Einwohner erreichen eine Apotheke innerhalb von sechs Kilometern. Die Versorgung sei also gut, kritisierte die Barmer-Führung die geplante Honorarerhöhung als „Gießkannenprinzip". Stattdessen fordert sie gezielte Förderung für strukturschwache Regionen.
Die Apothekerkammern kontern: Die Betriebskosten seien seit 2013 um 60 Prozent gestiegen. Eine Anpassung sei überfällig.
Milliardensparpaket und Lieferengpässe
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Gesundheitsministerin Nina Warken treibt parallel ein umfassendes Sparpaket voran. 16,3 Milliarden Euro sollen die gesetzlichen Krankenkassen 2027 entlasten – unter anderem durch Ausgabendeckel für Krankenhäuser und Praxen sowie höhere Rabatte für Pharmahersteller und Apotheken. Die Länder sehen das kritisch.
Hinzu kommen anhaltende Lieferengpässe. Die griechische Arzneimittelbehörde (EOF) veröffentlichte Anfang Juni eine aktualisierte Liste mit Engpässen bei Diabetes-, Herz-Kreislauf- und Nierenmedikamenten. 80 Präparate unterliegen nun Exportverboten.
In Deutschland sorgt ein administratives Versäumnis für juristische Risiken. Obwohl das Gesundheitsministerium bereits im Januar Änderungen bei den Biologika-Rabattverträgen ankündigte, traten bestimmte Verträge von Anbietern wie SpectrumK erst zum 1. Juni 2026 in Kraft. Apotheken drohen nun Retaxationen – finanzielle Strafen –, wenn sie hochpreisige Präparate unter umstrittenen Ausschreibungsbedingungen abgeben. Ein Flickenteppich, der die ohnehin angespannte Lage weiter verschärft.
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