Apotheken-Krise, Betriebe

Apotheken-Krise: 16.601 Betriebe auf Tiefstand, doch Dienstleistungen boomen

07.06.2026 - 16:13:16 | boerse-global.de

Deutschlands Apotheken erreichen Tiefststand, doch Impfungen und Beratungen boomen. Die Honorarreform und die ePA sollen den Wandel stützen.

Apothekensterben in Deutschland: Neue Dienste als Rettungsanker
Apotheken-Krise - Eine Apothekerin berät einen Kunden in einer modernen Apotheke, umgeben von Medikamentenregalen. 07.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Doch die verbliebenen Betriebe erweitern ihr Angebot massiv – von Impfungen bis zur Medikationsberatung.

Wirtschaftlicher Druck: Jede fünfte Apotheke schloss

Bundesweit sank die Zahl der Apotheken 2025 auf 16.601. Seit der letzten Honoraranpassung 2013 hat rechnerisch jeder fünfte Betrieb geschlossen. Die Gesundheitswirtschaft trägt zwar mit knapp 500 Milliarden Euro rund 12,4 Prozent zum BIP bei – der direkte Beitrag der Apotheken liegt aber nur bei 6,4 Milliarden Euro.

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Schließungen treten vor allem dort auf, wo der Konkurrenzdruck hoch ist. Eine Studie des IGES-Instituts zeigt: Die Wege zur nächsten Apotheke sind für die Bevölkerung bislang kaum länger geworden. Dennoch bleibt die wirtschaftliche Lage angespannt.

Die Politik reagiert mit einer Honorarreform: Das Bundeskabinett beschloss eine Anhebung des Fixums in zwei Stufen. Ab 1. Juli 2026 steigt der Betrag auf 9,00 Euro, ab 1. Januar 2027 auf 9,50 Euro pro Packung. Kritiker warnen, dass dies vor allem großen Apotheken und Versandhändlern nützt – die flächendeckende Versorgung durch kleinere Betriebe bleibe unter Druck.

Pharmazeutische Dienstleistungen boomen

Parallel zum Strukturwandel etablieren sich Apotheken als Anbieter klinischer Leistungen. Das ABDA-Jahrbuch 2026 weist für 2025 fast eine Million erbrachte pharmazeutische Dienstleistungen aus. Rund 300.000 entfielen auf erweiterte Medikationsberatungen – besonders wichtig für chronisch Kranke mit Polymedikation.

Auch bei Impfungen legen Apotheken zu: In der Saison 2025/26 führten sie rund 220.000 Grippeschutzimpfungen durch. Das ist fast eine Verdopplung zur Vorsaison. Etwa jede vierte Apotheke beteiligte sich zudem an Substitutionstherapien.

Regionale Initiativen unterstreichen den Trend zur aktiven Vorsorge. Vom 15. bis 20. Juni 2026 bieten zahlreiche Apotheken in Sachsen-Anhalt spezielle Beratungen zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen an. Das Angebot umfasst Blutdruckmessungen, digitale Herzaltersbestimmung sowie Beratungen zur Tabakentwöhnung.

Pharmacist Prescribing: Neue Kompetenzen in Sicht

Ein zentraler Punkt der künftigen Ausrichtung ist das „Pharmacist Prescribing“ – die eigenständige Abgabe bestimmter verschreibungspflichtiger Arzneimittel durch Apotheker. Beim Fachkongress in Meran Anfang Juni 2026 diskutierten Experten internationale Modelle aus Großbritannien, Frankreich, der Schweiz und Nordamerika.

Geplant ist, Apothekern im Rahmen der Apothekenreform mehr Aufgaben bei der Vorsorge für Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden zu übertragen. Auch die Abgabe von Medikamenten bei akuten Beschwerden soll ohne neues Rezept möglich werden – sofern entsprechende Vermerke in der elektronischen Patientenakte vorliegen.

Apothekerverbände begrüßen die Reform als Entlastung der Primärversorgung. Ärztliche Standesvertretungen lehnen die Kompetenzausweitung dagegen ab.

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Die ePA als Schlüsseltechnologie

Die verpflichtende elektronische Patientenakte ab Oktober 2026 gilt als technische Grundlage für die erweiterten Aufgaben. Die ePA soll den Informationsfluss zwischen Ärzten und Apothekern verbessern und eine sicherere Arzneimitteltherapie ermöglichen. Hausärzte können dann Folgerezepte für bis zu vier Quartale ausstellen – Apotheken verwalten diese effizienter.

Trotz der digitalen Fortschritte bleibt der Streit um Rabatte im Versandhandel ungelöst. Versandapotheken berufen sich auf Europarecht, Apothekerverbände fordern eine striktere Durchsetzung der nationalen Preisbindung. Ihr Ziel: die Wettbewerbsfähigkeit der stationären Apotheken als wohnortnahe Beratungsstellen sichern.

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