APOE4 und Alzheimer: Studie zeigt, wie Fetttröpfchen Myelinbildung stören
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 06:14 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Genvariante APOE4 gilt als der bedeutsamste bekannte genetische Risikofaktor für die spät einsetzende Form der Alzheimer-Krankheit. Träger dieser Variante weisen ein um das 3- bis 12-Fache erhöhtes Krankheitsrisiko auf. Welche zellulären Mechanismen hinter dieser Anfälligkeit stehen, war lange nur in Teilen verstanden.
Eine am 15. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Cell Stem Cell erschienene Untersuchung eines Forschungsteams um Li-Huei Tsai am Picower Institute des Massachusetts Institute of Technology (MIT) liefert nun detaillierte Einblicke in die fehlerhafte Fettverarbeitung von Gehirnzellen.
Gestörter Wnt-Signalweg blockiert Myelinbildung
Im Zentrum der Untersuchung standen Oligodendrozyten, jene Gliazellen, die für die Bildung der isolierenden Myelinschicht um die Nervenfasern verantwortlich sind. Anhand von aus induzierten pluripotenten Stammzellen abgeleiteten menschlichen Oligodendrozyten und unter Einsatz eines CRISPR-Genom-Screens stellte das MIT-Team fest, dass das Vorhandensein von APOE4 den sogenannten Wnt-Signalweg empfindlich hemmt.
Verantwortlich dafür ist ein molekulares Ungleichgewicht: Die APOE4-Variante führt zu einer gesteigerten Aktivität des Enzyms GSK3B (Glykogensynthase-Kinase-3-beta) und senkt zeitgleich die Konzentration von Beta-Catenin. Als Folge dieser verminderten Signalübertragung können die Oligodendrozyten Lipide nicht mehr ordnungsgemäß zu Myelin verarbeiten.
Stattdessen sammeln sich überschüssige Lipidtröpfchen im Zellinneren an. Eine vergleichbar niedrige Aktivität der Wnt-Signalgebung wiesen die Forschenden auch in Hirngewebe von verstorbenen APOE4-Organspendern nach. Zudem zeigte sich, dass das Gen DKK1 als Bremse auf das System wirkt; dessen Deaktivierung führte in den Versuchen zu einer messbaren Reduktion der Fetttröpfchen.
Wiederherstellung der Myelinscheiden im Labor
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Um den Mechanismus therapeutisch zu testen, untersuchte die Arbeitsgruppe pharmakologische Interventionen. Der Einsatz des GSK3?-Inhibitors CHIR99021 stellte das Wnt-Signal wieder her und senkte die Anzahl der schädlichen Lipidtröpfchen. In menschlichen Hirn-Organoiden führte diese Behandlung zu einer verstärkten Myelinbildung und begünstigte das Axonwachstum.
Auch in Tiermodellen erwies sich das Vorgehen als wirksam: Bei Alzheimer-Mäusen mit APOE4 bewirkte die Hemmung von GSK3B, dass Lipidtröpfchen im Hippocampus abgebaut wurden und die Myelinbildung zunahm. In den behandelten Mäusen bildete sich das Myelin messbar dicker aus.
Das Forschungsteam stuft den Signalweg daher als potenzielles neues Arzneimittelziel für künftige Alzheimer-Therapien ein, betont jedoch, dass die Ergebnisse bislang nicht an menschlichen Patienten bestätigt sind und weitere Studien zwingend folgen müssen.
Fachliche Einordnung und weitere Risikomechanismen
Fachkollegen bewerten die Ergebnisse mit verhaltenem Optimismus. Rosie Jackson von der Universität Dundee sprach von einer sehr starken Verbindung zwischen der Genvariante und den beobachteten Prozessen.
Joel Blanchard von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai sieht in der gezielten Beeinflussung des Lipidstoffwechsels einen denkbaren therapeutischen Ansatz, verwies jedoch darauf, dass die Sicherheit entsprechender Wirkstoffe beim Menschen bislang ungeprüft sei.
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Dass APOE4 komplexe Gefäß- und Gewebeschäden im Gehirn auslöst, verdeutlichen auch weitere Arbeiten. So wiesen Forscher der Columbia-Universität in einer Studie nach, dass APOE-?4 die übermäßige Produktion von Fibronectin an zerebralen Blutgefäßen anregt und so die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke erhöht – ein Prozess, der unter anderem über Integrine, die Fokaladhäsionskinase sowie VEGF-Signalwege vermittelt wird.
Beide Forschungsstränge verdeutlichen, dass therapeutische Strategien gegen APOE4-bedingte Schäden voraussichtlich an mehreren Schnittstellen des zellulären Stoffwechsels ansetzen müssen.
