Antipsychotika-Start, Dyslipidämie-Rate

Antipsychotika-Start: Dyslipidämie-Rate steigt in sieben Tagen auf das 62-Fache

Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 02:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Studie mit 15.219 jungen Patienten zeigt besonders in der ersten Woche erhöhte Raten von Fettstoffwechsel- und Blutzuckerstörungen.
Ein steriles, modernes medizinisches Labor mit leeren Glasgefäßen auf einer Edelstahloberfläche in kühlem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Der Beginn einer medikamentösen Behandlung mit Antipsychotika erfordert insbesondere bei jungen Patienten eine engmaschige metabolische Überwachung. Eine am 28. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift JAMA Network Open veröffentlichte Untersuchung unter Leitung von Francisco Tsz Tsun Lai von der Universität Hongkong verdeutlicht, dass das Risiko für Fettstoffwechselstörungen bereits unmittelbar nach Therapiebeginn sprunghaft ansteigt.

Massiver Anstieg von Fettstoffwechselstörungen in der ersten Behandlungswoche

Die Forscher der Universität Hongkong analysierten Daten von 15.219 Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 17 Jahren, von denen 59,7 Prozent männlich waren. Die Kohorte wurde ab 2005 über einen Zeitraum von 18 Jahren nachbeobachtet. Das mittlere Alter bei der Erstverordnung lag bei 12,9 Jahren.

Den Ergebnissen zufolge lag die Inzidenzrate für eine Dyslipidämie in den ersten sieben Tagen nach Therapiebeginn bei einer Incidence Rate Ratio (IRR) von 61,93 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 42,01–91,27; P < 0,001) im Vergleich zum Ausgangswert vor der Behandlung.

Im Zeitraum zwischen einem und drei Monaten nach dem Start betrug die Rate IRR 7,41 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 4,77–11,49), bevor sie nach drei Monaten auf eine IRR von 3,96 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 2,87–5,46) absank. Insgesamt traten bei 497 Patienten metabolische Auffälligkeiten auf. Davon entfielen rund 90 Prozent auf eine Dyslipidämie und etwa 23 Prozent auf eine Hyperglykämie.

Erhöhte Blutzuckerwerte und wiederkehrende Stoffwechselereignisse

Neben den Fettstoffwechselstörungen verzeichnete das Team der Universität Hongkong auch ein gesteigertes Risiko für erhöhte Blutzuckerwerte. In den ersten sieben Tagen nach Beginn der Antipsychotika-Gabe lag die Inzidenzrate für eine Hyperglykämie bei einer IRR von 12,55 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 2,99–52,63).

An den Tagen 31 bis 90 betrug sie 5,93 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 2,44–14,44) und nach drei Monaten 4,03 (95-Prozent-Konfidenzintervall: 2,13–7,62).

Anzeige

Wer sich mit der Überwachung seiner Stoffwechselwerte befasst, sollte die Bedeutung der einzelnen Laborergebnisse genau kennen. Dieser kostenlose 25-seitige Report erklärt verständlich, was Blutwerte wirklich aussagen und wie Sie Fehldiagnosen vermeiden. Laborwerte-Selbstcheck jetzt kostenlos herunterladen

Betrachtet über alle metabolischen Ereignisse hinweg lag die Rate zwischen Tag 8 und Tag 30 bei einer IRR von 5,60, zwischen Tag 31 und Tag 90 bei 7,71 und nach drei Monaten bei 3,94. Auch das Risiko für Folgeepisoden blieb signifikant erhöht: Für Hyperglykämien betrug die IRR 4,57, für Dyslipidämien 3,76 und für das metabolische Gesamtrisiko 3,71.

Vergleichbare Muster bei Erwachsenen und Monitoring-Bedarf

Die Dringlichkeit einer frühen Stoffwechselkontrolle unterstreichen auch Untersuchungen bei älteren Kohorten. Eine ebenfalls am 28. Oktober 2026 in The Lancet Psychiatry erschienene Studie von Dr. Juan Carlos Bazo-Alvarez vom University College London analysierte Hausarztdaten des britischen Gesundheitsdienstes NHS von fast 97.000 Erwachsenen mit schweren psychischen Erkrankungen aus den Jahren 2000 bis 2023. Unter Therapien mit Olanzapin, Quetiapin, Risperidon oder Aripiprazol stieg der Langzeitblutzuckerwert HbA1c in den ersten 90 Tagen etwa 14-mal schneller und das Körpergewicht rund 9-mal schneller als vor Behandlungsbeginn.

Besonders ausgeprägt waren die Effekte bei Olanzapin, bei dem der HbA1c-Wert in den ersten 90 Tagen etwa 50-mal und das Gewicht rund 10-mal schneller anstieg, während Quetiapin mit einer deutlichen Gewichtszunahme bei minimaler HbA1c-Veränderung einherging.

Zudem entwickelten 19 Prozent der Patienten mit bestehendem Prädiabetes innerhalb von zwei Jahren einen Typ-2-Diabetes, verglichen mit 3 Prozent bei Personen mit normalen Blutzuckerwerten. Zur Risikominimierung werden Kontrollen von HbA1c und Gewicht vor Behandlungsbeginn sowie nach zwölf Wochen empfohlen.

Anzeige

Ein sprunghafter Anstieg der Blutzuckerwerte kann die Gesundheit langfristig belasten, weshalb gezielte Gegenmaßnahmen wichtig sind. Mit diesen sieben einfachen 3-Minuten-Übungen können Betroffene ihren Blutzucker auf natürlichem Weg positiv beeinflussen. Gratis-Ratgeber mit 7 Sofort-Übungen sichern

Biologische Mechanismen auf zellulärer Ebene

Mögliche zelluläre Ursachen für die schnellen Stoffwechselveränderungen beschreibt eine im Journal of Physiology and Biochemistry veröffentlichte spanische Untersuchung von Ferreira, Alén und Kollegen vom 28. Oktober 2026. In einer Analyse mit 24 gesunden Freiwilligen, die über fünf Tage Aripiprazol oder Olanzapin erhielten, sowie sieben Personen mit Erstepisode einer Psychose steigerte Aripiprazol die Anzahl extrazellulärer Vesikel im Blut.

In In-vitro-Versuchen machten diese Vesikel menschliche Leberzellen in den meisten Fällen weniger empfindlich gegenüber Insulin, während der Effekt unter Olanzapin milder ausfiel. Bei Patienten mit Psychosen lagen bereits vor der Medikation erhöhte Vesikel- und Entzündungsmarker vor, die sich unter der Gabe weiter verstärkten.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70466999 |