Angststörungen, Gene

Angststörungen: 74 Gene identifiziert, 39 davon völlig neu

11.06.2026 - 05:32:58 | boerse-global.de

Aktuelle Forschung identifiziert 74 Genorte für Angst, fünf Blutmarker für kognitive Defizite und neue Therapieansätze bei Depression.

Neurowissenschaft: Neue Studien zu Diagnostik und Therapie
Angststörungen - Ein stilisiertes Gehirn mit leuchtenden neuronalen Netzen, überlagert von genetischem Code und digitalen Datenvisualisierungen. 11.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Psychoneurologie und Neurowissenschaften liefern immer präzisere Einblicke in die Wechselwirkungen zwischen psychischen Erkrankungen und kognitiven Funktionen. Gleich mehrere aktuelle Studien zeigen: Fortschritte in der Diagnostik und Therapie sind greifbar – aber die Zusammenhänge sind komplexer als gedacht.

Anzeige

Vergesslichkeit oder Konzentrationsstörungen sind oft erste Warnsignale für nachlassende geistige Fitness. Dieser kostenlose 2-Minuten-Test hilft Ihnen, Ihre kognitive Leistung diskret zu prüfen und frühzeitig Gewissheit zu erlangen. Jetzt zum kostenlosen Demenz-Selbsttest

74 Gen-Positionen für Angstsymptome identifiziert

Eine der größten Genomstudien ihrer Art liefert neue Marker. Das PGC Anxiety Konsortium veröffentlichte am 10. Juni in Nature Human Behaviour die Ergebnisse einer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) mit 693.869 Teilnehmern europäischer Abstammung.

Die Forscher identifizierten insgesamt 74 Genom-Positionen, die mit Angstsymptomen in Verbindung stehen. 39 dieser Marker waren bisher unbekannt. Besonders im Fokus stehen die Gene PCLO und SORCS3.

Doch die Genetik allein erklärt längst nicht alles. Die Studie beziffert den genetischen Einfluss auf etwa sechs Prozent der individuellen Unterschiede bei Angstsymptomen. Umweltfaktoren und Lebensumstände bleiben damit die entscheidenden Größen.

Smartphone-App erkennt kognitive Veränderungen früher

Digitale Diagnostik gewinnt an Fahrt. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in npj digital medicine testete die Smartphone-App neotivTrials an 202 Teilnehmern – darunter 50 Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung.

Das Ergebnis: Regelmäßige Tests über sieben bis zwölf Monate erfassten subtile kognitive Veränderungen schneller als herkömmliche klinische Verfahren. Die App könnte künftig helfen, neurodegenerative Prozesse früher zu erkennen.

Parallel dazu lieferte eine Auswertung der UK Biobank differenzierte Daten zum Zusammenhang zwischen kognitiver Leistung und Depression. Die Analyse von 3.724 Teilnehmern, veröffentlicht am 9. Juni in den Annals of Internal Medicine, zeigt: Eine remittierte Depression verdreifacht das Risiko für eine erneute Episode.

Überraschend: Bei Menschen mit zurückliegender Depression korrelierte eine höhere kognitive Leistung mit einem leicht erhöhten Rückfallrisiko (Anstieg von 0,74 auf 1,10 Prozent). Bei nie-depressiven Probanden wiederum galt eine niedrigere Verarbeitungsgeschwindigkeit als Risikofaktor für eine Ersterkrankung.

Fünf Blutmarker zeigen frühe kognitive Defizite

Die biochemische Kommunikation zwischen Darm und Gehirn rückt in den Fokus. Eine Metabolomstudie an 150 Personen, veröffentlicht in Gut Microbes, identifizierte fünf spezifische Metabolite im Blut, die mit frühen kognitiven Defiziten assoziiert sind.

Die Liste umfasst Cholin, 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIAA), Indol-3-Propionsäure (IPA), Indoxylsulfat und Kynurensäure. Neuroprotektive Stoffe wie Cholin und IPA waren bei Patienten mit kognitiven Einschränkungen reduziert. Gleichzeitig wiesen die Forscher erhöhte Werte des neurotoxischen Indoxylsulfats nach.

Ein auf diesen Daten basierendes Machine-Learning-Modell erreichte bei der Unterscheidung zwischen gesunden Probanden und Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung eine Genauigkeit (AUC) von 0,84.

Neue Hoffnung bei therapieresistenter Depression

Die Therapieforschung arbeitet an mehreren Fronten. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin startet eine multizentrische Studie unter Leitung von Prof. Christian Otte. Gefördert mit 2,3 Millionen Euro von der DFG, untersucht sie das Hormon DHEA als Zusatztherapie bei therapieresistenter Depression über sechs Wochen.

Eine randomisierte Studie mit 50 Patienten deutet zudem darauf hin, dass die Kombination einer einmaligen Ketamin-Infusion mit einer vierwöchigen Gabe von niedrig dosiertem Buprenorphin suizidale Gedanken signifikant länger reduzieren kann als ein Placebo.

Präklinisch beschäftigen sich Forscher mit GLYX-13, einem NMDA-Rezeptor-Partialagonisten, sowie mit dem Peptid Elamipretid (SS-31). Letzteres soll durch Stabilisierung von Mitochondrien vor Neuroinflammation und kognitivem Abbau schützen.

Vorsicht bei Glucosamin – Training hilft

Die Präventionsforschung liefert klare Handlungsempfehlungen. Eine Analyse der University of Florida, die Daten aus den Jahren 2012 bis 2024 auswertete, warnt vor unkritischer Einnahme von Glucosamin bei bestehender leichter kognitiver Beeinträchtigung. Die Daten deuten auf ein um 25 Prozent erhöhtes Risiko für den Übergang in eine Demenz hin.

Anzeige

Neben der medizinischen Forschung belegen Studien, dass gezieltes Training die geistige Leistung deutlich verbessern kann. Erfahren Sie in diesem Ratgeber, welche 11 Alltagsübungen Ihr Gehirn effektiv stärken und den Abbau verzögern können. Kostenlosen Gehirntraining-Ratgeber jetzt sichern

Positiv: Studien zum kognitiven Training zeigen Erfolge. Das SMART-Programm des Center for BrainHealth, publiziert 2026 in Frontiers in Psychology, belegt, dass bereits kurze tägliche Übungseinheiten über sechs Monate die Resilienz und psychische Gesundheit von Erwachsenen stärken – unabhängig von ihrer Krankheitsgeschichte.

Experten der Pharmazeutischen Zeitung weisen zudem darauf hin, dass etwa 40 Prozent der Demenz-Risikofaktoren lebensstilbedingt sind. Präventionsmaßnahmen sollten demnach bereits im frühen Erwachsenenalter ansetzen.

de | wissenschaft | 69518403 |