AM-3: Lichtschaltbares Morphin lindert Schmerzen präklinisch ohne typische Nebenwirkungen
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 02:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deKlassische Opioide wie Morphin gelten seit langem als wirksame Mittel in der Schmerztherapie, sind jedoch mit schweren Nebenwirkungen wie Toleranzentwicklung, Verstopfung und einem erheblichen Suchtpotenzial verbunden. Laut Daten der Centers for Disease Control and Prevention starben im Vorjahr mehr als 40.000 US-Bürger an den Folgen von Opioid-Überdosierungen.
Auf der Suche nach sichereren Alternativen untersuchen Forschungsteams der Weill Cornell Medicine und der University of Pennsylvania neuartige Steuerungsmechanismen für Schmerzmedikamente. Im Fachjournal Cell veröffentlichte Ergebnisse einer Studie beschreiben ein lichtschaltbares Morphin-Derivat namens AM-3, das eine örtlich begrenzte Schmerzausschaltung ermöglichen soll.
Molekularer Schalter nach dem Vorbild des Sehsinns
Die Funktionsweise von AM-3 basiert auf einer gezielten Formveränderung des Moleküls in Abhängigkeit von der eingesetzten Lichtfrequenz. Das Design ahmt die biologische cis-trans-Isomerisierung von Rhodopsin nach, wie sie bei Sehvorgängen im Auge vorkommt.
Das Molekül nimmt unter Lichteinfluss unterschiedliche Konfigurationen an: In der cis-Form bindet AM-3 an eine spezifische Subtasche des Mu-Opioid-Rezeptors und aktiviert diesen zusammen mit den nachgeschalteten G-Proteinen. Die trans-Form des Wirkstoffs bindet hingegen nicht an diese Stelle.
Durch diese Konfigurationsänderung bindet AM-3 den Mu-Opioid-Rezeptor je nach Lichtart unterschiedlich stark. Während Nah-Ultraviolett-Licht zu einer starken Aktivierung führt, fällt die Aktivierung unter Blaulicht schwächer aus.
Dirk Trauner von der University of Pennsylvania betonte in diesem Zusammenhang, dass sich die dem Retinal zugrundeliegende Funktionslogik prinzipiell auf nahezu jeden G-Protein-gekoppelten Rezeptor übertragen lasse. Das primäre Ziel dieses Ansatzes besteht darin, Opioid-Wirkungen punktgenau vor Ort auszulösen, anstatt den gesamten Organismus systemisch zu belasten.
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Präklinische Ergebnisse und verminderte Nebenwirkungen
In präklinischen Schmerzmodellen, darunter experimentelle Untersuchungen zu Knochenkrebs- sowie viszeralen Schmerzen, zeigte der Ansatz bereits Wirkung. Nach der Injektion des Wirkstoffs und einer anschließenden kurzen Bestrahlung der betroffenen Schmerzstelle mit UV-Licht trat eine morphinähnliche Schmerzlinderung direkt im Zielgewebe ein.
Dabei beobachteten die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reduzierte oder gänzlich ausbleibende Anzeichen klassischer Opioid-Nebenwirkungen. Weder die gefürchtete Toleranzentwicklung noch Symptome wie Verstopfung traten in den untersuchten Modellen auf.
Ein wesentlicher Grund für das veränderte Nebenwirkungsprofil liegt im Verteilungsmuster der Substanz: AM-3 gelangt den Untersuchungen zufolge kaum über die Blut-Hirn-Schranke in das zentrale Nervensystem.
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Technische Hürden und nächste Entwicklungsschritte
Trotz der ermutigenden Laborbefunde steht die praktische Anwendung des Verfahrens vor erheblichen Herausforderungen. Eine wesentliche Hürde bleibt der Einsatz von UV-Licht, das bei direkter Anwendung biologische Schäden an Haut und Augen verursachen kann und zudem nur eine begrenzte Gewebeeindringtiefe aufweist.
Um diesen Einschränkungen zu begegnen, arbeiten die Forschungsgruppen der Weill Cornell Medicine und der University of Pennsylvania bereits an Nachfolgemolekülen. Diese sollen so modifiziert werden, dass sie sich nicht mehr durch UV-Strahlung, sondern durch sichtbares Licht oder Strahlung im langwelligeren roten Spektralbereich präzise aktivieren lassen.
