Alzheimer-Übertragung: Forscher warnen vor Amyloid-Beta in Bluttransfusionen
Veröffentlicht am: 25.08.2026 um 17:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Frage, ob neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer über medizinische Eingriffe übertragen werden können, beschäftigt die Wissenschaft seit Jahren. Im Zentrum der Debatte steht das Protein Amyloid-Beta, dessen Ablagerungen im Gehirn als charakteristisches Merkmal für bestimmte Demenzformen gelten.
Eine im August 2026 in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Übersichtsarbeit eines Forschungsteams um John Collinge vom University College London (UCL) fasst nun den aktuellen Kenntnisstand zu den Risiken einer Übertragung durch Bluttransfusionen zusammen.
Systematische Bewertung der Übertragungswege
In der wissenschaftlichen Analyse bewerten die Forscher des UCL die Übertragung von Amyloid-Beta-Pathologien durch Bluttransfusionen als ein theoretisch mögliches, jedoch bisher nicht bestätigtes Szenario. Die Untersuchung stützt sich auf die Erkenntnis, dass sogenannte Amyloid-?-Seeds – winzige Proteinstrukturen, die als Keime für weitere Ablagerungen fungieren können – unter bestimmten Bedingungen übertragen werden könnten.
Bisherige Belege für eine solche Übertragbarkeit stammen vorwiegend aus seltenen medizinischen Expositionen der Vergangenheit. So führten Behandlungen mit Wachstumshormonen, die aus Hypophysen von Verstorbenen gewonnen wurden, sowie der Einsatz von menschlicher Hirnhaut (Dura mater) in der Chirurgie nachweislich zu Amyloid-?-Ablagerungen bei den Empfängern.
Diese Form der medizinischen Übertragung wird als iatrogene Pathologie bezeichnet. Während die Evidenz für diese speziellen Eingriffe als gesichert gilt, fehlt für den Bereich der Bluttransfusionen laut der Übersichtsarbeit bislang ein eindeutiger Beweis.
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Historische Daten und statistische Korrelationen
Die Forschung greift auf Daten zurück, die bereits in den vergangenen Jahren auf potenzielle Risiken hindeuteten. Eine skandinavische Studie aus dem Jahr 2023, die Daten von über einer Million Menschen aus Dänemark und Schweden auswertete, lieferte dabei wichtige Anhaltspunkte.
Die Auswertung zeigte, dass Empfänger von Blutspenden von Personen, die zu einem späteren Zeitpunkt Hirnblutungen erlitten, selbst ein erhöhtes Risiko für wiederkehrende Hirnblutungen aufwiesen. Dies deutet darauf hin, dass Gefäßveränderungen, die mit Amyloid-Ablagerungen in Zusammenhang stehen (zerebrale Amyloid-Angiopathie), möglicherweise über das Blut beeinflusst werden könnten.
Zudem dokumentierte eine Studie aus dem Jahr 2024 insgesamt fünf Fälle von früher Demenz, die auf die Behandlung mit Wachstumshormonen aus Leichen zurückgeführt wurden. Diese Praxis wurde weltweit bereits im Jahr 1985 eingestellt, nachdem die Risiken einer Übertragung von Prionen bekannt geworden waren.
Die jüngsten Erkenntnisse des UCL legen jedoch nahe, dass neben Prionen auch Amyloid-Beta-Proteine eine ähnliche, wenn auch weniger infektiöse Eigenschaft besitzen könnten.
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Sicherheitsaspekte und künftiger Forschungsbedarf
Trotz der theoretischen Möglichkeit stufen die Wissenschaftler das aktuelle Risiko durch Bluttransfusionen als gering ein. Dennoch mahnen sie zur Wachsamkeit und fordern weitere gezielte Forschung, um die Langzeitfolgen von Transfusionen besser zu verstehen. Der Hintergrund für diese Vorsicht ist auch in historischen Fehlentwicklungen des Gesundheitswesens verwurzelt.
So verwies der Bericht auf die Ergebnisse der „UK Infected Blood Inquiry“ aus dem Jahr 2024. Diese Untersuchung befasste sich mit einem der schwersten Behandlungsfehler in der Geschichte des britischen National Health Service (NHS).
In den 1970er und 1980er Jahren wurden über 30.000 Patienten durch kontaminierte Blutprodukte mit HIV oder Hepatitis infiziert, was zu rund 3.000 Todesfällen führte. Solche historischen Erfahrungen unterstreichen die Notwendigkeit, auch bei gering erscheinenden Risiken wie der Amyloid-Übertragung eine strenge wissenschaftliche Überwachung beizubehalten.
Zusammenfassend lässt die aktuelle Analyse des University College London darauf schließen, dass eine Übertragung von Amyloid-Beta-Seeds zwar biologisch plausibel bleibt, im klinischen Alltag der Bluttransfusion jedoch weiterhin eine unbestätigte Hypothese darstellt. Die Forscher betonen, dass die Vorteile notwendiger Bluttransfusionen die derzeit rein theoretischen Risiken bei weitem überwiegen.
Mehr zum Thema bei n-tv: „Infektiosität von Amyloid-Beta: Kann eine Bluttransfusion zu Alzheimer führen? - n“
