Alzheimer-Risiko: Niedriger Blutdruck unterschätzt – bis zu 3x höher
12.06.2026 - 04:09:30 | boerse-global.de
Niedriger Blutdruck und Einsamkeit gelten als unterschätzte Risikofaktoren. Gleichzeitig zeigen neue Therapien und digitale Früherkennung vielversprechende Ansätze.
Blutdruck und Einsamkeit: Die unterschätzten Risiken
Eine Studie im Journal of the American Heart Association vom 10. Juni liefert überraschende Ergebnisse. Niedriger Blutdruck (Hypotonie) erhöht das Alzheimer-Risiko um das Zwei- bis Dreifache. Das ist deutlich mehr als Bluthochdruck (1,6-fach) oder Schlaganfälle (1,5- bis 1,85-fach).
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Die Analyse von Gesundheitsdaten rund 800.000 Erwachsener aus der britischen Biobank und dem US-Programm „All of Us“ zeigt zudem: Bei schwarzen und hispanischen Probanden ist der Zusammenhang bis zu dreimal stärker ausgeprägt.
Parallel dazu warnt ein Fachpanel vom 11. Juni vor einem weiteren Risikofaktor. Empfundene Einsamkeit erhöht das Alzheimer-Risiko um 40 Prozent – vergleichbar mit den negativen Auswirkungen des Rauchens. Als Schutzfaktoren gelten soziale Aktivität, Bewegung und das Erlernen neuer Fähigkeiten.
Ernährung: Eier schützen, Glucosamin schadet
Die Forschung zu Ernährungsgewohnheiten liefert neue Erkenntnisse. Eine Langzeitstudie der Loma-Linda-Universität im Journal of Nutrition hat über 15 Jahre rund 40.000 Erwachsene begleitet. Ergebnis: Wer mindestens fünf Eier pro Woche isst, senkt sein Alzheimer-Risiko um 27 Prozent. Verantwortlich ist der Nährstoff Cholin.
Doch Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln: Forscher der University of Florida warnen in Nature Metabolism (10. Juni) vor Glucosamin. Eine KI-gestützte Analyse von Patientendaten (2012 bis 2024) deutet darauf hin: Bei Patienten mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (MCI) könnte Glucosamin das Risiko eines Übergangs zur Demenz um 25 Prozent steigern. Tierversuche stützen die These, dass verstärkte Glykosylierung die Gedächtnisleistung verschlechtert.
Digitale Früherkennung: Das Smartphone als Diagnose-Tool
Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) präsentierte am 10. Juni Ergebnisse einer Studie zu Smartphone-basierten Tests. Die App neotivTrials erfasste bei über 200 Probanden subtile kognitive Veränderungen schneller als herkömmliche klinische Untersuchungen. Die digitalen Daten korrelierten präzise mit klinischen Langzeitverläufen über acht Jahre.
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Gleichzeitig rückt die Darm-Hirn-Achse in den Fokus. Eine Untersuchung von 150 Probanden identifizierte Stoffwechselprodukte im Darmmikrobiom – wie Cholin und Kynurensäure – als potenzielle Marker für frühe kognitive Defizite.
Das Leibniz-Institut für Alternsforschung und die Universität Jena stellten am 11. Juni fest: Nicht das Mikrobiom selbst, sondern eine nachlassende Immunüberwachung der Darmbarriere ist Hauptgrund für Altersentzündungen. Da ein Großteil der Immunzellen im Darm sitszt, könnte eine Stabilisierung der Darmbarriere künftig als Präventionsmaßnahme dienen.
Neue Therapien: Donanemab, Compound 10 und KAT7
Im Bereich der Pharmakotherapie gibt es neue Langzeitdaten für den Antikörper Donanemab. Hersteller Lilly gab am 10. Juni bekannt: Der Wirkstoff verzögert den geistigen Verfall bei früher Erkrankung über drei Jahre. Besonders bemerkenswert: Die Wirkung hält auch nach dem Absetzen an.
Anders sieht es beim zugelassenen Antikörper Lecanemab aus. Trotz einer Verlangsamung des kognitiven Abbaus um 27 Prozent in der Clarity-AD-Studie verweist das britische NICE auf ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis. Zudem sind engmaschige MRT-Kontrollen wegen möglicher Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen nötig.
Abseits der Amyloid-Hypothese verfolgt die ETH Zürich neue Wege. In Cell Reports Medicine (10. Juni) wurde der Wirkstoff „Compound 10“ vorgestellt. Er hemmt die Verklumpung des Enzyms GRK2. In Mausmodellen schützte die Substanz die Mitochondrien und reduzierte das Absterben von Nervenzellen. Das Patent ist angemeldet, die Hochschule sucht Partner für die klinische Entwicklung.
Ein weiterer Therapiepfad wurde am 11. Juni in Neuron beschrieben. Im Fokus steht das Protein KAT7. Seine Blockade könnte Entzündungsprozesse in den Mikroglia-Zellen des Gehirns reduzieren und die Kognition verbessern.
Einzelfall mit Psilocybin: Vorsicht geboten
Ein Bericht in Frontiers in Neuroscience sorgt für Aufsehen. Eine 80-jährige Patientin zeigte nach der Gabe von psilocybinhaltigen Substanzen temporäre Verbesserungen der Mobilität und Kommunikation. Die Autoren betonen jedoch: Es handelt sich um eine Einzelbeobachtung, die keine klinische Studie ersetzt.
