Alzheimer-Prävention: Lancet-Kommission sieht jede zweite Erkrankung vermeidbar
Veröffentlicht am: 07.08.2026 um 13:23 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Demenz, etwa 450.000 Neudiagnosen kommen jährlich hinzu. Der schleichende Verlust der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit gehört zu den prägendsten Symptomen. Forscher arbeiten deshalb an neuen Strategien, um die Kommunikation zu erhalten und den kognitiven Abbau zu verlangsamen.
Internationale Projekte zu Sprach- und Schluckstörungen
Ein internationales Team der Universität Heidelberg und der Biruni Universität untersucht die besonderen Herausforderungen türkischsprachiger Demenzpatienten. Johannes Gerwien und seine Kollegen Fenise Selin Karal? und Samet Tosun analysieren dabei neben der Sprache auch die Schluckfähigkeiten der Betroffenen. Das vom 2232-A-Programm geförderte Projekt will gezielte Therapieansätze entwickeln.
Die FAU Erlangen-Nürnberg geht einen anderen Weg: Mit rund 300.000 Euro Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft entstand ein künstlicher Kehlkopf. Damit lassen sich die Schwingungen der Stimmlippen bei funktionellen Störungen präzise untersuchen. Das Ziel: individuell angepasste Therapien für Menschen mit Stimmproblemen.
Wenn Sprache zerfällt: Kunst und Theater in der Therapie
Dass Demenz auch die künstlerische Auseinandersetzung prägt, zeigt die Künstlerin Franziska Herbert. Mitte August präsentiert sie in Mainz Auszüge ihrer Arbeit „Dekonstruktion“ – eine Auseinandersetzung mit dem Zerfall der Sprache. Die Lesung ist Teil einer Ausstellung des muna-Kollektivs, die sich mit Bewältigungsstrategien beschäftigt.
Praxisnah wird das Thema in einer Mainzer Pflegeeinrichtung angegangen. Dort fanden im August öffentliche Theaterproben statt, die speziell auf die Bewohner zugeschnitten sind. Finanziert durch Mittel der Glücksspirale für 2026 und 2027, zeigen solche Projekte: Kreative Methoden können die Ausdrucksmöglichkeiten von Demenzbetroffenen spürbar stützen.
Donanemab: Neue Langzeitdaten aus der Alzheimer-Forschung
Die Rotterdam-Studie zeigt: Migräne-Patienten haben ein um 30 Prozent niedrigeres Demenzrisiko. Was steckt dahinter – und wie können Sie selbst vorbeugen? Unser Ratgeber liefert die wichtigsten Erkenntnisse und praktische Tipps. Jetzt kostenlosen Ratgeber anfordern
In der klinischen Forschung sorgt der Wirkstoff Donanemab für Aufsehen. Die Phase-3-Studie TRAILBLAZER-ALZ 2 lieferte neue Langzeitdaten: Bei Patienten, die den EU-Indikationskriterien entsprechen, verlangsamte sich der kognitive Abbau nach 18 Monaten um 0,7 Punkte auf der CDR-SB-Skala. Nach 36 Monaten betrug der Unterschied zur Kontrollgruppe sogar 1,1 Punkte. Neue Sicherheitssignale traten dabei nicht auf.
Kann Demenz also künftig zur behandelbaren Erkrankung werden? Experten der Lancet-Kommission gehen noch weiter: Sie schätzen, dass jede zweite Demenzerkrankung durch Prävention vermeidbar wäre. Ein entscheidender Faktor ist der Schlaf. Medizinische Untersuchungen zeigen, dass er die sogenannte glymphatische Reinigung des Gehirns fördert – dabei werden schädliche Ablagerungen wie Amyloid-Beta und Tau-Proteine abtransportiert.
Überraschender Befund bei Migräne-Patienten
Komplexe Zusammenhänge offenbart die Rotterdam-Studie mit über 6.800 Teilnehmern. Über neun Jahre beobachteten die Forscher ein bemerkenswertes Phänomen: Migränepatienten hatten ein um 30 Prozent niedrigeres Demenzrisiko, das Alzheimer-Risiko lag sogar 42 Prozent niedriger. Was dahintersteckt, ist noch unklar – die Daten liefern jedoch wichtige Hinweise für die weitere Forschung.
KI als Diagnosehelfer in der Psychiatrie
Schlaf ist der Schlüssel: Die glymphatische Reinigung des Gehirns kann schädliche Ablagerungen abtransportieren. Erfahren Sie, wie Sie mit einfachen Schlafgewohnheiten Ihr Demenzrisiko senken können – inklusive Checkliste und aktueller Medikamenten-Übersicht. Ratgeber zur Demenzprävention jetzt sichern
Auch die Digitalisierung hält Einzug in die Demenzdiagnostik. Das ZI Mannheim testete große Sprachmodelle wie GPT-5.1 und Gemini-3-Pro-Preview bei der Erhebung psychopathologischer Befunde. In simulierten Interviews zu Krankheitsbildern wie Depression oder Schizophrenie lagen die KIs mit 72 Prozent Genauigkeit sogar vor der klinischen Vergleichsgruppe mit 68 Prozent.
Die Forscher sehen in den Modellen eine ergänzende Entscheidungshilfe – keinen Ersatz für menschliche Expertise. Die Kombination aus technologischer Unterstützung und klinischer Erfahrung könnte künftig helfen, Demenzerkrankungen früher zu erkennen und individueller zu behandeln.
