Alzheimer: Immunreaktion beginnt in Lymphknoten, nicht im Gehirn
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 15:23 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die enge Verflechtung von Nervensystem und Immunsystem rückt zunehmend in den Fokus der Grundlagenforschung. Mehrere aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Fehlsteuerungen in dieser Kommunikation an der Entstehung und dem Verlauf chronischer Erkrankungen beteiligt sein könnten – von Hautleiden über neurodegenerative Prozesse bis hin zu chronischen Schmerzsyndromen.
Stress als Auslöser für Psoriasis-Schübe
Ein Forschungsteam stellte auf dem EADV-Kongress Ergebnisse vor, wonach subjektiv empfundener Stress Psoriasis-Schübe auslösen kann. In Maus-Xenograft-Modellen führte eine 24-stündige Schallbelastung binnen 14 Tagen bei allen Tieren zu einem Rezidiv der Erkrankung, wie gesund.at berichtete.
Der NK-1-Antagonist Aprepitant konnte in diesem Modell in 80 Prozent der Fälle einen Rückfall verhindern. Von einer Off-label-Anwendung des Wirkstoffs bei Patienten wird derzeit jedoch abgeraten, da entsprechende klinische Daten am Menschen noch fehlen.
Immunreaktion bei Alzheimer: Ursprung außerhalb des Gehirns?
Eine im Fachjournal Nature Neuroscience veröffentlichte Mausstudie legt nahe, dass die schädliche Immunreaktion bei Alzheimer nicht im Gehirn selbst beginnt, sondern in den Lymphknoten.
Demnach erhalten T-Zellen ihre Anweisungen aus den Lymphknoten und nicht, wie bislang angenommen, direkt aus dem Gehirngewebe. Wurden dendritische Zellen aus den Lymphknoten der Mäuse entfernt, sank die Zahl der CD8-T-Zellen im Gehirn deutlich, und die Hirnschäden fielen erheblich geringer aus.
Die Menge an Tau-Fibrillen blieb dabei unverändert, die kognitiven Fähigkeiten der Tiere wurden jedoch erhalten. Letztautor David Holtzman von der Washington University betonte laut Bericht, dass nun Studien am Menschen nötig seien, um zu prüfen, ob sich diese T-Zell-Modulation auf Patienten übertragen lässt.
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Veränderte Hirnstruktur bei chronischen Schmerzen
Eine im Fachjournal NeuroImage Clinical veröffentlichte Untersuchung verglich 30 Menschen mit chronischen primären Schmerzen – im Schnitt seit 13,6 Jahren bestehend, etwa zwei Drittel davon mit Fibromyalgie – mit 30 gesunden Kontrollpersonen.
Im MRT zeigte sich bei den Betroffenen die Großhirnrinde links vorn stärker gefaltet, während rechts die Hirnfurchen weniger tief ausgeprägt waren und der cinguläre Cortex eine geringere Komplexität aufwies.
In der weißen Substanz fanden sich nach statistischer Korrektur keine eindeutigen Unterschiede. Die Autoren betonten, dass die Frage nach Ursache und Wirkung offen bleibe – unklar ist, ob die strukturellen Veränderungen Folge oder Ursache der chronischen Schmerzen sind.
Umstrittene Operation gegen Alzheimer
Abseits der Grundlagenforschung wird in China eine chirurgische Methode namens dcLVA diskutiert, bei der Lymphgefäße mit Venen im Halsbereich verbunden werden, um den Abtransport schädlicher Proteine aus dem Gehirn zu verbessern.
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Die erste derartige Operation erfolgte im Jahr 2020 an einem 84 Jahre alten Patienten in China, seither wurden dort Tausende solcher Eingriffe durchgeführt, viele für mehr als 200.000 Yuan (umgerechnet rund 30.000 US-Dollar). Seit Juli 2025 ist die Operation in China nur noch im Rahmen klinischer Studien zulässig.
Die bislang größte Studie zu dem Verfahren, veröffentlicht im Februar 2026 mit 139 Patienten, zeigte laut n-tv.de nur eine geringfügige Verbesserung. Experten äußerten sich entsprechend skeptisch gegenüber dem Nutzen der Methode.
Ausblick
Die verschiedenen Forschungsstränge – von Stressreaktionen bei Hauterkrankungen über die Rolle peripherer Immunzellen bei Alzheimer bis zu strukturellen Hirnveränderungen bei chronischen Schmerzen – deuten übereinstimmend darauf hin, dass Nervensystem und Immunabwehr enger verknüpft sind als lange angenommen.
Für die klinische Praxis bedeutet das nach Einschätzung der beteiligten Forscher vor allem eines: Bevor neue Therapieansätze aus diesen Erkenntnissen abgeleitet werden können, sind weitere Studien am Menschen notwendig.
