Alzheimer: Herpesviren und Bakterien als neue Risikofaktoren identifiziert
Veröffentlicht am: 09.08.2026 um 21:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Immer mehr Studien deuten darauf hin: Viren und Bakterien könnten an der Entstehung von Alzheimer beteiligt sein. Das eröffnet völlig neue Wege für die Prävention.
Herpesviren: Die heimlichen Verdächtigen
HSV-1, das klassische Lippenherpes-Virus, steht ebenso im Visier der Wissenschaft wie das Varizella-Zoster-Virus, Auslöser der Gürtelrose. Besonders spektakulär: Eine in „Science“ publizierte Untersuchung zeigt, dass das Epstein-Barr-Virus das Risiko für Multiple Sklerose um das 32-fache erhöhen kann.
Doch nicht nur Viren geraten unter Verdacht. Bereits 2019 wies „Science Advances“ das Zahnfleischbakterium Porphyromonas gingivalis in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten nach – zusammen mit erhöhten Beta-Amyloid-Ablagerungen. Eine Nature-Studie aus 2022 zeigte zudem, dass Chlamydia pneumoniae bei Mäusen über den Riechnerv ins Gehirn gelangen kann. Voraussetzung: eine vorgeschädigte Nasenschleimhaut. Für den Menschen fehlt bislang allerdings der gesicherte Beleg.
Impfstoffe als heimliche Demenz-Schützer
Könnte eine simple Impfung das Demenzrisiko senken? Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihre Empfehlung für die Gürtelrose-Impfung am 7. November 2025 angepasst: Sie gilt nun für Risikogruppen ab 18 Jahren, zuvor lag die Altersgrenze bei 50. Der Totimpfstoff wird in zwei Dosen im Abstand von zwei bis sechs Monaten verabreicht. Fachleute spekulieren, dass der Schutz über die Hauterkrankung hinaus auch das Demenzrisiko senken könnte.
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Auch der alte Tuberkulose-Impfstoff BCG macht Hoffnung. In einer Pilotstudie mit 23 Erwachsenen über 55 Jahren sank die Konzentration von Amyloid-beta im Nervenwasser – womöglich durch eine „trainierte Immunität“. Experten reihen diese Beobachtungen in die Effekte von Grippe- und Gürtelrose-Impfungen ein, die ebenfalls mit einem verringerten Demenzrisiko assoziiert sind.
Die gute Nachricht: Weniger Neuerkrankungen pro Kopf
Trotz steigender absoluter Zahlen durch die alternde Gesellschaft: Die Rate der Neuerkrankungen sinkt in vielen Industrieländern. In den USA fiel sie bei den 85- bis 89-Jährigen von 3 zu 10 vor vier Jahrzehnten auf 1 zu 10 im Jahr 2024. Daten aus sechs Ländern zeigen einen Rückgang der Inzidenz um etwa 13 Prozent pro Jahrzehnt zwischen 1988 und 2015. Die Framingham-Studie beziffert den Rückgang sogar auf 20 Prozent pro Jahrzehnt.
Die globale Belastung bleibt dennoch immens: Prognosen erwarten einen Anstieg von 57 Millionen Betroffenen (2019) auf 153 Millionen im Jahr 2050. Eine US-Langzeitstudie in „Neurology“ unterstreicht die Bedeutung des Lebensstils: Die Kombination aus Rauchen, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes verkürzt die demenzfreie Zeit um fast 13 Jahre. Menschen ohne diese Risikofaktoren bleiben im Schnitt 30 Jahre demenzfrei, mit allen drei Faktoren nur etwa 17 Jahre.
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Molekularbiologie: Neue Marker und überraschende Entdeckungen
Das Muskelprotein Irisin, das bei körperlicher Aktivität freigesetzt wird, korreliert signifikant mit Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Forscher des Korea University Guro Hospital fanden in „Alzheimer's & Dementia“ niedrigere Irisin-Werte bereits in frühen Krankheitsstadien.
Eine Untersuchung in „Molecular Psychiatry“ analysierte 2.000 postmortale Gehirnproben und identifizierte 30 Genexpressionsnetzwerke. Eine Stanford-Studie in „Nature“ lieferte eine echte Überraschung: Blutstammzellen wandern ab dem mittleren Alter ins menschliche Gehirn und verwandeln sich dort in Mikroglia-ähnliche Zellen – ein Phänomen, das bei Mäusen und Primaten nicht vorkommt. Und auch schwere COVID-19-Verläufe könnten latente Herpesviren reaktivieren, was laut einer Nature-Studie mit Sterblichkeit und Schweregrad korreliert.
