Alzheimer: Epilepsie-Mittel Levetiracetam zeigt vielversprechende Erfolge
27.05.2026 - 18:02:58 | boerse-global.deLevetiracetam, ein langjährig zugelassenes Antiepileptikum, steht plötzlich im Zentrum der Alzheimer-Forschung. Das Prinzip heißt Drug Repurposing – die Umwidmung bereits bekannter Wirkstoffe.
Eine britische Plattformstudie hat Levetiracetam als einen von vier vielversprechenden Kandidaten für die künftige Alzheimer-Therapie identifiziert. Neben dem Antiepileptikum stehen auch das ADHS-Medikament Atomoxetin, das Antidiabetikum Metformin sowie Isosorbidmononitrat zur weiteren Untersuchung. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Alzheimer's & Dementia“ veröffentlicht.
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Warum ein Epilepsie-Mittel gegen Demenz helfen könnte
Der Ansatz basiert auf einer präzisen Beobachtung: In frühen Stadien der Alzheimer-Erkrankung zeigen Nervenzellen eine Übererregbarkeit. Genau hier setzt Levetiracetam an. Da der Wirkstoff bereits seit Jahrzehnten zugelassen ist, ist sein Sicherheitsprofil umfassend dokumentiert. Das beschleunigt die klinische Entwicklung enorm – im Vergleich zu völlig neuen Wirkstoffklassen.
Die Forschung zielt dabei nicht nur auf Symptome ab. Im Fokus steht die Beeinflussung der zugrunde liegenden Pathologie. Eine Studie der Flinders University, veröffentlicht in „Nature Communications“, lieferte dazu wichtige Erkenntnisse. Die Forscher wiesen an Tiermodellen nach, dass das Tau-Protein essenziell für die Bildung von Langzeiterinnerungen ist – sofern eine kontrollierte Phosphorylierung an der Stelle T205 erfolgt. Fehlfunktionen stören den Gedächznisabruf. Genau hier könnten Wirkstoffe wie Levetiracetam korrigierend eingreifen.
Früherkennung wird zum Schlüsselfaktor
Doch was nützt das beste Medikament, wenn die Diagnose zu spät kommt? Hier gab es in den letzten Tagen signifikante Fortschritte. Ein neuer Bluttest namens 5ADCSI nutzt die xMAP-Technologie, um fünf spezifische Alzheimer-Biomarker gleichzeitig zu identifizieren: A?40, A?42, pTau, NfL und GFAP. Eine Proof-of-Concept-Studie belegt eine hohe Korrelation zwischen den Blutwerten und den entsprechenden Werten im Nervenwasser. Das macht den Test zu einer kostengünstigen Alternative zur Lumbalpunktion.
Neuseeländische Studienergebnisse zeigen zudem: Bestimmte Biomarker wie pTau181 und pTau217 weisen bereits ab einem Alter von 45 Jahren auf ein erhöhtes Risiko hin. Die Spiegel dieser Proteine steigen oft Jahre vor dem ersten Auftreten klinischer Symptome konstant an. Ein weiterer Bluttest auf pTau217 soll künftig sogar den genauen Zeitpunkt des Symptombeginns vorhersagen können.
Die Konkurrenz schläft nicht
Während die Umwidmung von Levetiracetam einen kosteneffizienten Weg darstellt, ruht die klassische Wirkstoffentwicklung keineswegs. Weltweit laufen rund 182 klinische Studien zu 138 verschiedenen Alzheimer-Medikamenten.
Besonders vielversprechend: Der Antikörper Remternetug. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass er Amyloid-Ablagerungen bei 75 Prozent der Patienten innerhalb von nur sechs Monaten entfernt. Zum Vergleich: Der Wirkstoff Donanemab benötigte dafür etwa 18 Monate.
Ein weiterer Hoffnungsträger ist Trontinemab mit der sogenannten Brainshuttle-Technologie. Diese Methode ermöglicht es dem Wirkstoff, die Blut-Hirn-Schranke effizienter zu passieren. Deutlich niedrigere Dosierungen bei gleichbleibender Wirksamkeit sind das Ergebnis.
Auch im Bereich der Gentherapie gibt es Durchbrüche. Eine Therapie gegen Chorea Huntington am University College London konnte den Krankheitsfortschritt nach drei Jahren um 75 Prozent verlangsamen. Ähnliche Ansätze werden für Träger des APOE4-Gens entwickelt, die ein besonders hohes Alzheimer-Risiko tragen.
Was Sie selbst tun können
Medikamente allein werden das Problem nicht lösen. Eine schwedische Langzeitstudie des Karolinska Institutet mit über 20.000 Teilnehmern zeigt einen überraschenden Zusammenhang: Die Art der täglichen Sitzgewohnheiten beeinflusst das Demenzrisiko. Passives Sitzen etwa beim Fernsehen senkt das Risiko nicht. Geistig aktives Sitzen – bei Büroarbeit oder beim Lesen – zeigt dagegen eine signifikante Reduktion.
Noch konkreter wird eine Studie über ein mentales Geschwindigkeitstraining namens Doppelentscheidung. Teilnehmer über 65 Jahre, die dieses Computerspiel regelmäßig nutzten, senkten ihr Demenzrisiko über 20 Jahre um 25 Prozent. Experten der Johns Hopkins University führen diesen Effekt auf erhöhte Gehirnplastizität und die Stabilisierung des Acetylcholinspiegels zurück.
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Was die Wende für das Gesundheitssystem bedeutet
Die aktuellen Entwicklungen haben weitreichende Folgen. Drug Repurposing mit Substanzen wie Levetiracetam könnte die Kosten massiv senken. Nach Ablauf des Patentschutzes sind diese Medikamente als preiswerte Generika verfügbar. Im Gegensatz zu hochpreisigen Antikörpertherapien, die oft eine komplexe Infrastruktur für Infusionen erfordern, ist Levetiracetam einfach zu verabreichen und breit verfügbar.
In Deutschland könnten rechtliche Rahmenbedingungen diesen Wandel unterstützen. Das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) sieht erweiterte Kompetenzen für Apotheken vor – darunter die Durchführung von Blutentnahmen und Schnelltests. Das könnte den Weg für ein flächendeckendes Screening auf Alzheimer-Biomarker ebnen.
Risiken und Nebenwirkungen
So vielversprechend die Ansätze sind – Herausforderungen bleiben. Eine neuseeländische Studie am Beispiel von Rapamycin (Sirolimus) zeigte, dass Medikamente mit positiven Effekten im Alter auch unerwünschte Wechselwirkungen haben können. Im Fall von Rapamycin: eine mögliche Abschwächung von Trainingseffekten auf die Muskulatur.
Die Botschaft ist klar: Die Zukunft der Alzheimer-Prävention liegt in einer präzisen, individuell abgestimmten Therapieplanung. Die Kombination aus frühzeitiger Diagnostik durch Bluttests ab dem 45. Lebensjahr, dem Einsatz von Repurposing-Medikamenten wie Levetiracetam und gezieltem kognitivem Training könnte die Inzidenz schwerer Demenzverläufe nachhaltig senken.
Die kommenden zwei Jahre werden zeigen, ob die vielversprechenden Ergebnisse der aktuellen Plattformstudien in die klinische Routine überführt werden können. Und ob das Gesundheitssystem auf die Zunahme frühzeitiger Diagnosen ausreichend vorbereitet ist.
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