Alzheimer-Bluttests: Diagnosegenauigkeit in Hausarztpraxen steigt auf 93 Prozent
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 08:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie frühzeitige Erkennung von neurodegenerativen Erkrankungen verlagert sich zunehmend in die primärärztliche Versorgung. In Norwegen setzen das Akershus-Universitätsklinikum (Ahus) und Hausärzte in Øvre Romerike auf neue digitale kognitive Tests.
Diese Verfahren sollen in Kombination mit Blutproben eine mögliche Diagnose von Alzheimer künftig bereits direkt in der Hausarztpraxis ermöglichen. Bislang erfordert die Feststellung der Erkrankung oft langwierige Überweisungen an spezialisierte Zentren und aufwendige apparative Untersuchungen.
Hürden und Potenziale in der Primärversorgung
Trotz technologischer Fortschritte ist die Verankerung solcher Methoden im Praxisalltag bisher uneinheitlich. Nach Angaben von Ashton Harper von Roche Diagnostics sind entsprechende Bluttests zwar in den USA sowie in über 30 Ländern in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum zugelassen, finden sich jedoch weltweit in keinem Land in den offiziellen Protokollen der Primärversorgung wieder.
Eine US-Umfrage im Rahmen der American Geriatrics Society 2026 verdeutlicht die Zurückhaltung: Lediglich 16,7% der Primärversorger ordnen bei Verdacht auf kognitive Beeinträchtigungen Bluttests an.
Dagegen greifen 71,1% auf neuropsychologische Untersuchungen, 77,4% auf Computertomografien (CT) und 18,4% auf Positronen-Emissions-Tomografien (PET) zurück. Gleichzeitig gaben 21,7% der Befragten an, nur geringes Vertrauen in ihre Demenzdiagnose zu haben; bei der spezifischen Diagnose von Alzheimer lag dieser Anteil bei 41,2%.
Dass Biomarker die diagnostische Sicherheit verbessern können, zeigt eine schwedische Untersuchung der Lund University unter der Leitung von Sebastian Palmqvist. Durch den Einsatz von Bluttests stieg die Diagnosegenauigkeit in der Primärversorgung von 65% auf 93%.
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Bei Spezialisten erhöhte sich der Wert von 74% auf 89%, wobei nach dem Test eine Genauigkeit von 94% erreicht wurde. In rund 30% der Fälle führte das Testergebnis zu einer Änderung der Diagnose, und bei etwa 50% der Patienten passte sich das Behandlungsmanagement an.
Im Rahmen einer Darstellung auf der Alzheimer's Association International Conference (AAIC) lag die Managementänderung in der Primärversorgung bei 56–60%. Die Sicherheit beim Ausschluss einer Erkrankung nach einem negativen Befund stieg von 12,9% auf 25%.
Ein Studienprojekt in Spanien zeigte zudem, dass die frühere Mitteilung des Befunds hochsichere Diagnosen um das Zehnfache steigerte. Wie relevant verlässliche Abklärungen sind, verdeutlichen Daten aus dem Vereinigten Königreich: Demnach verzeichnen undiagnostizierte Demenzpatienten 1,5 Notaufnahme-Besuche pro Jahr und damit dreimal so viele wie andere Patienten.
Neue Biomarker-Strategien und multimodale Ansätze
Parallel dazu verfeinern Forschungsteams die Auswertungsmethoden im Blut. Forschende der Boston University und der University of Connecticut entwickelten mit der sogenannten GRAD-Strategie ein zweistufiges Gatekeeper-Reflex-Modell.
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Zunächst erfolgt ein p-Tau217-Test. Liegen die Werte in einer unklaren Grauzone, werden zusätzliche Blutbiomarker sowie das Alter und genetische Risikofaktoren herangezogen. Entwickelt wurde das Modell anhand von 145 Teilnehmern der ADNI-Kohorte mit Gedächtnisproblemen und einem Amyloid-PET als Referenz.
Die Validierung erfolgte an 1.644 kognitiv gesunden Teilnehmern der Studien A4 und LEARN, von denen 630 in der p-Tau217-Grauzone lagen. Das GRAD-Modell verbesserte die Identifikation von Amyloid-Ablagerungen und senkte den Anteil erforderlicher PET-Scans, gilt den Forschern zufolge jedoch noch nicht als voller Ersatz für bestätigende Bildgebungen, weshalb prospektive Tests ausstehen.
In einer Untersuchung in der Fachzeitschrift Neurology Open Access verglichen Anuradha Sehrawat, Xuemei Zeng, Abdul Razak Monto, Anum Saeed und Ann D. Cohen zudem die diagnostische Genauigkeit verschiedener Plasma-Immunoassays und analysierten dabei P-Tau205, P-Tau212 sowie P-Tau217 bei Alzheimer.
Standards für Künstliche Intelligenz und aktualisierte Leitlinien
Auch die Auswertung bildgebender Verfahren unterliegt neuen methodischen Standards. Das DEMON-Network formulierte mit Neuro-AIM im Rahmen eines am 14. Oktober 2026 veröffentlichten Konsenses in der Fachzeitschrift npj Digital Medicine Leitlinien für den Einsatz von Werkzeugen auf Basis künstlicher Intelligenz in Gedächtniskliniken.
In einem dreistufigen Delphi-Verfahren mit 16 stimmberechtigten Fachleuten aus Klinik, Forschung und Industrie, von denen 14 alle Runden abschlossen, erzielten sechs Statements eine starke Zustimmung von über 70% und zwei eine moderate Zustimmung zwischen 50% und 69%. Die höchste Übereinstimmung mit 92,86% betraf die Schulung von Klinikern.
Aussagen zum Zweck der Diagnose und Prognose sowie zu Datenschutzbedenken erreichte jeweils 85,71%, während Vorgaben zu getrennten, diversen Validierungskohorten und zum Aufbau von Vertrauen jeweils 78,57% Zustimmung erhielten. Das Expertengremium setzte sich aus 13 Mitgliedern aus Europa und 3 aus Nordamerika zusammen.
Im deutschsprachigen Raum passten Fachgesellschaften die Vorgaben ebenfalls an: Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) überarbeiteten die S2e-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen unter der AWMF-Registernummer 030/124 grundlegend, um den aktuellen wissenschaftlichen Standards Rechnung zu tragen.
