Alzheimer-Antikörper: Leqembi und Kisunla bremsen den Abbau um rund 30 Prozent
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 05:36 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Europäischen Union sind im Jahr 2025 erstmals zwei monoklonale Antikörper zur gezielten Behandlung der Alzheimer-Krankheit zugelassen worden. Den Beginn markierte Lecanemab (Handelsname Leqembi) mit der EU-Zulassung am 15. April 2025, gefolgt von Donanemab (Handelsname Kisunla) am 24. September 2025. Beide Wirkstoffe zielen auf die Reduktion von Amyloid-beta-Plaques im Gehirn ab.
Während die Präparate das Fortschreiten der neurodegenerativen Erkrankung verlangsamen können, stellen hohe Therapiekosten und nationale Erstattungsfragen die europäischen Gesundheitssysteme vor erhebliche Herausforderungen.
Wirkmechanismus und klinische Studien
Die beiden Antikörper richten sich gegen Amyloid-beta und werden als intravenöse Infusion verabreicht. Bei Leqembi erfolgt die Gabe alle zwei Wochen, während Kisunla im Abstand von vier Wochen infundiert wird.
Die Therapien bieten keine Heilung und führen nicht zu einer Umkehr bereits entstandener Schäden. Bei geeigneten Patientinnen und Patienten im frühen Stadium können sie das Fortschreiten der Erkrankung jedoch um rund 30 Prozent verlangsamen.
Die Wirksamkeit wurde in klinischen Studien mit jeweils über 1.700 Teilnehmenden untersucht, wobei der Effekt nach einem Behandlungszeitraum von 18 Monaten gemessen wurde.
Für Lecanemab belegte eine Untersuchung an 1.521 Patienten einen geringeren Anstieg auf der Demenz-Bewertungsskala CDR-SB im Vergleich zu Placebo. Bei Donanemab zeigte eine klinische Studie mit 1.736 Probanden eine reduzierte Verschlechterung auf der integrierten Alzheimer-Skala (iADRS).
Wer sich mit dem Thema Demenzprävention befasst, sollte die Bedeutung von Alltagsübungen nicht unterschätzen. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen 11 praktische Methoden, um Ihr Gehirn aktiv zu halten und geistig fit zu bleiben. 11 Alltagsübungen zur Demenz-Vorbeugung kostenlos herunterladen
Medizinische Voraussetzungen und Behandlungsalltag
Die Indikation für den Einsatz der Antikörper ist eng gefasst. Eine Behandlung kommt nur bei Personen mit einer leichten kognitiven Störung oder einer leichten Alzheimer-Demenz in Betracht, bei denen das Vorhandensein von Amyloid-Plaques zuvor nachgewiesen wurde. Zudem ist das Vorliegen von maximal einer Kopie des Risikogens ApoE4 Voraussetzung. Ausgeschlossen sind Personen mit unkontrollierten Blutungsstörungen oder bestehender Antikoagulation.
In Deutschland bietet beispielsweise die Neurologische Klinik des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) in Gießen die beiden Antikörper-Therapien an.
Nach Angaben des Klinikums, wonach Alzheimer für 60 bis 70 Prozent aller Demenzfälle verantwortlich ist, erfordert die Therapie ein frühes Erkrankungsstadium, die Beachtung genetischer Risikofaktoren für Nebenwirkungen sowie regelmäßige Kontrollen mittels Magnetresonanztomografie (MRT).
Oberärztin Dr. Anne Mrochen wies darauf hin, dass sich vor diesem Hintergrund nicht alle medizinisch geeigneten Patienten für den Behandlungsansatz entscheiden.
Häufige Vergesslichkeit kann im Alter verunsichern, doch Klarheit ist der erste Schritt zur gezielten Vorsorge. Ein kurzer, wissenschaftlich fundierter Selbsttest hilft Ihnen dabei, erste Warnsignale besser einzuordnen – diskret und ohne Termin. Kostenlosen 7-Fragen-Selbsttest jetzt anonym durchführen
Nationale Erstattungsdebatten und Zugang in Europa
Die Kosten für eine 18-monatige Behandlung belaufen sich auf rund 50.000 Euro. Bislang übernimmt kein europäisches Land die reguläre Erstattung dieser Präparate uneingeschränkt. Entsprechend heterogen gestaltet sich der Zugang innerhalb der EU:
- Frankreich: Die französischen Gesundheitsbehörden lehnten einen vorzeitigen Zugang zu Leqembi und Kisunla ab. Sie begründeten den Schritt mit rechtlichen Kriterien sowie Unsicherheiten hinsichtlich des tatsächlichen therapeutischen Nutzens.
- Griechenland: Die Medikamente stehen für Patienten mit leichter kognitiver Störung oder früher Demenz bei nachgewiesenen Amyloid-Biomarkern (mittels PET, Liquor- oder Bluttests) zur Verfügung. Die intravenöse Gabe erfolgt in Kliniken oder Gedächtnisambulanzen des nationalen Gesundheitssystems EESY nach Vorabgenehmigung über ein elektronisches System und die Organisation IFET. Bei rund 250.000 Demenzkranken im Land kommen etwa 20.000 Betroffene infrage; Patienten mit fortgeschrittener Demenz oder ApoE-e4-Homozygotie sind ausgeschlossen. In Athen befanden sich 30 Patienten in Behandlung, in Thessaloniki hingegen keine.
- Spanien: Von über 800.000 Alzheimer-Patienten – bei rund 40.000 Neudiagnosen pro Jahr, davon über 65 Prozent Frauen – könnten nach Angaben der Sociedad Española de Neurología rund vier Prozent für die Präparate infrage kommen. Da eine öffentliche Finanzierung im nationalen Gesundheitssystem abgelehnt wurde, bleibt der Zugang bislang Selbstzahlern vorbehalten. Die Patientenorganisation Confederación Española de Alzheimer y otras Demencias (CEAFA) forderte in einer öffentlichen Kampagne eine reguläre Finanzierung, damit der Zugang nach medizinischen Kriterien und nicht nach Einkommen erfolge. Zuvor hatten sich über 500 Beteiligte an einem gemeinsamen Videoaufruf beteiligt; CEAFA-Direktor Jesús Rodrigo betonte das Erfordernis breiter Unterstützung für die Initiative.
- Polen: Eine Erstattung der im Vorjahr auf EU-Ebene zugelassenen Medikamente wird derzeit erwartet. Die Versorgung ist von späten Diagnosen geprägt; viele Betroffene erreichen spezialisierte Einrichtungen erst bei mittelschwerer oder fortgeschrittener Demenz. Nach Daten des Nationalen Gesundheitsfonds NFZ verdoppelte sich der Wert der Leistungen für Demenzerkrankungen zwischen 2019 und 2025 auf fast 440 Millionen Z?oty jährlich. Ein nationales Aktionsprogramm für Demenzerkrankungen (2025–2030) wurde Ende 2025 verabschiedet.
- Rumänien und Österreich: In Rumänien beschränkt sich die Erstattung auf etablierte Wirkstoffe wie Donepezil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin; die neuen Antikörper werden nicht erstattet. In Österreich, wo laut dem Demenzbericht 2025 rund 170.000 Menschen mit Demenz leben – davon zwei Drittel Frauen –, wird bis 2050 ein Anstieg auf rund 290.000 Betroffene prognostiziert. Auch hier stehen die Gesundheitsträger vor der Abwägung der Verlangsamung des Krankheitsverlaufs um rund 30 Prozent gegenüber den hohen Therapiekosten.
