Alzheimer-Antikörper: Lecanemab verlangsamt geistigen Abbau um 27%
12.06.2026 - 12:20:53 | boerse-global.de
Statt nur im Krankenhaus zu messen, setzen Wissenschaftler zunehmend auf Apps für zu Hause, neue Medikamente und ungewöhnliche Experimente mit halluzinogenen Substanzen. Die Ergebnisse sind vielversprechend – aber nicht ohne Hürden.
App statt Klinik: So erkennen digitale Tests Demenz früher
Eine aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) zeigt, wie sich die Diagnostik verbessern lässt. Veröffentlicht am 10. Juni in npj digital medicine, untersuchten die Forscher die neotiv-App an 202 Probanden zwischen 52 und 85 Jahren. 50 von ihnen litten bereits an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI).
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Die Ergebnisse sind eindeutig: Die App erkannte subtile Veränderungen schneller als herkömmliche klinische Tests, die meist nur einmal jährlich stattfinden. Die Teilnehmer absolvierten über sieben bis zwölf Monate alle zwei Wochen Tests zu Hause. Die Durchhaltequote lag nach 30 Wochen bei 73 Prozent. Experten sehen darin großes Potenzial – sowohl für kürzere Therapiestudien als auch für individuelles Monitoring ohne ständige Klinikbesuche.
Antikörper gegen Alzheimer: Fortschritt mit Nebenwirkungen
Im Bereich der Medikamente rückt Lecanemab in den Fokus. Es gilt als erster Wirkstoff, der direkt in den Alzheimer-Prozess eingreift. Die Clarity-AD-Studie belegt: Bei Patienten mit früher Alzheimer-Erkrankung verlangsamte sich der geistige Abbau über 18 Monate um 27 Prozent.
Doch die Behandlung hat ihren Preis. Engmaschige MRT-Kontrollen sind nötig, weil Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder Blutungen (ARIA) auftreten können. Das britische Institut NICE erkannte die Wirksamkeit zwar an, empfahl das Medikament aber nicht für den NHS – das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimme nicht.
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Parallel dazu veröffentlichte der Hersteller Lilly am 10. Juni Langzeitdaten zu Donanemab. Die Phase-3-Studie zeigt: Der Wirkstoff verzögert den geistigen Verfall bei früher Alzheimer-Erkrankung über drei Jahre. Besonders bemerkenswert: Die Wirkung soll auch nach dem Absetzen anhalten.
Pilz-Experiment: Ein Fallbericht sorgt für Aufsehen
Ein ungewöhnlicher Fallbericht in Frontiers in Neuroscience vom 10. Juni beschäftigt die Fachwelt. Eine 80-jährige Alzheimer-Patientin zeigte nach zweimaliger Gabe von Psilocybin – dem Wirkstoff halluzinogener Pilze – signifikante Verbesserungen. Die seit über zehn Jahren erkrankte Frau konnte sich wieder besser bewegen und kommunizieren. Sogar die seit fünf Jahren verlorene Harnkontinenz kehrte zurück.
Die Forscher warnen jedoch: Es handelt sich um einen Einzelfall ohne Kontrollgruppe. Allgemeingültige Rückschlüsse sind nicht möglich. Die Wirkung wird auf die Aktivierung von Serotoninrezeptoren und deren Einfluss auf die Neuroplastizität zurückgeführt. In Deutschland unterliegt Psilocybin weiterhin dem Betäubungsmittelgesetz.
Long-COVID und ME/CFS: Neue Regeln für Off-Label-Medikamente
Auch kognitive Beeinträchtigungen nach Infektionen rücken in den Fokus. Seit dem 11. Juni sind auf Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vier Wirkstoffe für den Off-Label-Use verordnungsfähig:
- Ivabradin bei COVID-19-assoziiertem posturalen Tachykardiesyndrom (PoTS)
- Metformin zur Prophylaxe bei früher Diagnose und erhöhtem BMI
- Agomelatin bei Fatigue im Zusammenhang mit ME/CFS oder Long-COVID
- Vortioxetin zur Behandlung kognitiver Beeinträchtigungen und depressiver Symptome
Die Maßnahmen ergänzen die im Januar gestartete Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt stellt dafür über zehn Jahre 500 Millionen Euro bereit.
Neben der staatlichen Förderung bleibt privates Engagement wichtig. Für den 20. Juni ist eine Benefizwanderung auf die Zugspitze geplant – die Spenden sollen Kindern mit der neuroimmunologischen Erkrankung ME/CFS zugutekommen.
