Altersvorsorgedepot, Organisationen

Altersvorsorgedepot: 56 Prozent fühlen sich schlecht oder gar nicht informiert

Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 01:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Organisationen verlangen abgestimmte Regeln für alle Vorsorgesäulen; beim neuen Depot bleiben Information und persönliche Beratung zentral.

Altersvorsorge-Reform: Verbände fordern Gesamtkonzept und Beratung
Minimalistische Holzbausteine auf einem Betonboden als Symbol für Struktur und langfristige Finanzplanung. Illustration mit AI erstellt.

Branchenverbände und Fachorganisationen mahnen ein ganzheitliches Gesamtkonzept für die Altersvorsorge an. Angesichts geplanter Neuerungen wie dem Altersvorsorgedepot und neuen Rentenmodellen unterstreichen Branchenvertreter, dass mehr Produktauswahl die persönliche und individuelle Beratung nicht überflüssig mache.

Forderung nach einem säulenübergreifenden Gesamtkonzept

Die Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung e.V. (aba) forderte auf der Fachtagung Aufsichtsrecht für EbAV in Bonn ein abgestimmtes Vorgehen über alle drei Säulen der Alterssicherung hinweg und nahm dabei die Empfehlungen der Alterssicherungskommission als Bezugspunkt.

Der stellvertretende aba-Vorstandsvorsitzende Dirk Jargstorff kritisierte, dass der Blick auf das Zusammenspiel der Säulen fehle. Die Auswirkungen einer gesetzlichen Kapitalrente auf die betriebliche Altersversorgung (bAV) und die private Vorsorge müssten zwingend berücksichtigt werden, während die Lohnzusatzkosten nicht weiter steigen dürften.

Gegenüber dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) schlug die aba konkrete Maßnahmen vor. Dazu zählen die Anrechnung bestehender bAV-Beiträge auf eine künftige Beitragspflicht zur gesetzlichen Kapitalrente sowie ein kollektives Opting-out über tarifliche Öffnungsklauseln für Branchen mit leistungsfähigen Versorgungssystemen.

Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung (EbAV) sollten eine zentrale Rolle beim Ausbau der kapitalgedeckten Vorsorge einnehmen. Hierfür seien verlässliche Rahmenbedingungen, auch mit Blick auf die EbAV-II-Richtlinie, erforderlich. Dr. Natalie Brall aus dem BMAS stellte auf der Tagung die Haltung des Ministeriums dar.

Beratungsbedarf beim Altersvorsorgedepot bleibt hoch

Im Zuge der Reformen bereiten sich Dienstleister und Vermittler auf den geplanten Start des Altersvorsorgedepots vor. Die BCA AG aus Oberursel hob in einer Veröffentlichung hervor, dass der Einstieg zwar einfacher werde, der Beratungsbedarf jedoch nicht sinke. BCA-Vorstand Roman Schwarze merkte an, dass mehr Auswahl nicht automatisch zu besseren Entscheidungen führe.

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Gemeinsam mit Xaver Asset Management und ODDO BHF AM brachte die BCA AG im Oktober 2026 eine Plattform an den Start, um Vermittler auf den Januar 2027 vorzubereiten. BCA-Vorstand Dr. Frank Ulbricht betonte, das Altersvorsorgedepot eröffne einen breiteren Vorsorgemarkt. Das Produktmodell wird in einer Standard- und einer Premiumvariante angeboten.

Auch die Deutsche Vermögensberatung sieht erheblichen Aufklärungsbedarf beim Altersvorsorgedepot. Die persönliche Beratung bleibe unverzichtbar, da individuelle Faktoren wie Einkommen, familiäre Situation, Bestandsverträge, Immobilienbesitz und Risikoneigung differieren. Der Erfolg der Reform hänge maßgeblich davon ab, ob Bürger die neuen Optionen verstehen und nutzen.

Laut einer YouGov-Umfrage, die im Zeitraum vom 30. Juli bis zum 3. August 2026 unter 1.517 Befragten erhoben wurde, weiß je gut ein Drittel noch gar nichts vom Altersvorsorgedepot oder verfügt nur über geringe Kenntnisse.

Von den 935 Befragten, denen das Vorhaben bekannt war, stuften sich 56 Prozent als überhaupt nicht oder eher schlecht informiert ein. 38 Prozent gaben an, unerfahren bei Wertpapieranlagen zu sein. Vier von zehn Befragten hielten eine Depoteröffnung im Jahr 2027 für wahrscheinlich, darunter 16 Prozent für sehr wahrscheinlich und 22 Prozent für eher wahrscheinlich.

Streitpunkte: Verbraucherschutz und Standardprodukte

Kritik kommt zudem an Details einzelner Reformbausteine auf. Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) begrüßte zwar die geplante Frühstartrente grundsätzlich als Stärkung der kapitalgedeckten Vorsorge, beanstandete jedoch die Konzeption als beratungsfreies Standardprodukt.

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BVK-Präsident Michael H. Heinz warnte davor, Beratungspflichten auszusetzen, da dies das Schutzniveau senke. Finanzielle Bildung entstehe primär durch qualifizierte Beratung.

Gleichzeitig forderte der Bund der Versicherten (BdV) Nachbesserungen bei der Frühstartrente. BdV-Vorstand Stephen Rehmke sprach sich gegen privatwirtschaftliche Einzelverträge aus und plädierte stattdessen für automatische Konten bei staatlichen Stellen.

SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier warnte ihrerseits davor, dass Vorsorgeprodukte nicht zu Lasten der Versicherten gehen und günstige Einstiegskonditionen später durch Gebühren neutralisiert werden dürften.

Unterdessen erklärte GDV-Vize Moritz Schumann mit Blick auf den Zeitplan, ein pünktlicher Start des staatlichen Standardprodukts sei kaum mehr erreichbar. Das Bundesfinanzministerium rechnet mit dessen Verfügbarkeit erst nach dem für den 1. Januar 2027 geplanten Start des Altersvorsorgedepots.

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