Altersvorsorge-Reform: Frühstartrente soll Kindern 10 Euro monatlich bringen
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 18:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Altersvorsorge steht vor einer Phase struktureller Veränderungen – in der Schweiz durch neue Versicherungsprodukte, in Deutschland durch eine bevorstehende Reform der geförderten privaten Altersvorsorge. Beide Entwicklungen treffen auf eine Bevölkerung, deren Erwerbs- und Bildungsbiografien sich wandeln, und auf einen Beratungsmarkt, der zunehmend digitale Werkzeuge einsetzt.
Helvetia lanciert VivaFlex für Schweizer Vorsorgesparer
Der Versicherer Helvetia hat in der Schweiz die Lebensversicherung VivaFlex eingeführt, die sowohl für die gebundene Säule 3a als auch für die freie Vorsorge 3b genutzt werden kann. Das Produkt soll Kundinnen und Kunden erlauben, Sicherheit, Renditechancen und Risikoabsicherung zu kombinieren, wobei Anpassungen während der gesamten Vertragslaufzeit möglich bleiben sollen, wie Helvetia laut einem Bericht vom 22. September 2026 mitteilte.
Als Hintergrund für die Lancierung verweist Helvetia auf gesellschaftliche Trends: Laut Angaben des Bundesamts für Statistik arbeiteten 2025 rund 38,7 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz – etwa 1,9 Millionen Menschen – in Teilzeit.
Zudem hatte laut der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung 2026 jede zweite Person im Alter von 25 bis 34 Jahren einen Hochschul- oder höheren Berufsbildungsabschluss. Das Schweizer Referenzalter für die Rente liegt weiterhin bei 65 Jahren.
Diese Faktoren – flexiblere Erwerbsverläufe, höhere Bildungsabschlüsse, ein unverändertes Referenzalter – bilden laut Helvetia den Rahmen, in dem flexible Vorsorgelösungen wie VivaFlex an Bedeutung gewinnen.
Deutschland: Reform der geförderten privaten Altersvorsorge
Während in der Schweiz einzelne Anbieter ihre Produktpalette anpassen, bereitet Deutschland eine umfassendere Reform der geförderten privaten Altersvorsorge vor. DVAG-Vorstand Markus Knapp begrüßte die Reform, sieht durch die künftig größere Wahlfreiheit aber auch einen wachsenden Beratungsbedarf. Vorgesehen sind demnach Garantieprodukte mit 80 oder 100 Prozent Beitragsgarantie, ein Depot ohne Garantie sowie ein Standarddepot.
Eine Marktuntersuchung von Sirius Campus und Aeiforia zeigt, dass 44 Prozent der Befragten eine 80-prozentige Garantie bevorzugen, rund ein Drittel eine vollständige Garantie wünscht und 9 Prozent auf jede Garantie verzichten würden. Das geplante Standarddepot soll aus zwei Investmentvermögen mit unterschiedlichen Risikoprofilen bestehen, deren Effektivkosten höchstens 1 Prozent betragen dürfen.
Parallel dazu hat das Kabinett im August 2026 einen Gesetzentwurf zur sogenannten Frühstartrente beschlossen: Vorgesehen ist eine monatliche Förderung von 10 Euro vom sechsten bis zum vollendeten 18. Lebensjahr. Das Gesetzgebungsverfahren soll im Laufe des Jahres 2026 abgeschlossen werden.
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GDV fordert Umsetzung der Rentenreform
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) forderte beim Versicherungstag in Berlin, die Rentenreform umzusetzen. Laut einem Referentenentwurf sollen Frühverrentungsmöglichkeiten begrenzt, die Rente mit 63 abgeschafft und das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Der dadurch entstehende finanzielle Spielraum solle in die Kapitaldeckung fließen.
Der GDV verweist zudem auf die betriebliche Altersvorsorge: 18,1 Millionen Beschäftigte verfügten demnach über eine bAV-Anwartschaft, wobei die Verbreitung stark variiert – 86 Prozent in Unternehmen mit über 1.000 Beschäftigten, aber nur etwa ein Viertel in Betrieben mit unter 10 Beschäftigten.
Die Versicherer schlagen ein standardisiertes, übertragbares Basisprodukt vor. Neue Vorsorgeangebote sollen ab dem 1. Januar 2027 starten, bestehende Riester-Verträge sollen fortgeführt werden können.
Wettbewerb um das Altersvorsorgedepot
Mit Blick auf das für 2027 geplante staatlich geförderte Altersvorsorgedepot positionieren sich bereits mehrere Anbieter. Scalable Capital kündigte Depotkosten von 0,15 Prozent an, eine Quirin-Tochter unter 0,1 Prozent, Deka 0,1 Prozent; Smartbroker stellte für die ersten Jahre Gebührenfreiheit in Aussicht.
Das Altersvorsorgedepot soll ab 2027 auch Anlagen ohne Garantie ermöglichen, wobei Standarddepots höchstens 1 Prozent jährlich kosten dürfen und ein geplantes staatliches Angebot auf höchstens 0,2 Prozent begrenzt sein soll.
Anbieter dürfen ihre Preise später erhöhen, sofern sie dies vier Monate vorher ankündigen und sich dieses Recht vertraglich vorbehalten. Die Organisation Finanzwende fordert, das öffentliche Angebot solle als Preisreferenz dienen; laut Finanzministerium fehlt dafür jedoch noch eine Verordnung, sodass ein Start im Januar 2027 als ungewiss gilt.
Auch internationale Anbieter positionieren sich für den deutschen Markt: Fidelity-Deutschlandchefin Susanna Wooders und FFB-Geschäftsführer Jan Schepanek erklärten, Fidelity wolle in Deutschland wachsen, wobei private und betriebliche Altersvorsorge sowie aktive ETFs Bestandteile der Strategie seien.
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Die FFB erhöhte ihre Mitarbeiterzahl um 20 Prozent und plant ein Tagesgeldangebot, wartet aber zunächst die Abarbeitung von Bafin-Feststellungen ab. Laut Wooders läuft das entsprechende Aufsichtsprogramm bis Ende 2026, der Großteil soll nach Unternehmensplanung bereits bis Mitte 2026 erfüllt sein.
Der frühere FDP-Politiker Christian Lindner beteiligte sich im fünfstelligen Eurobereich am Fintech Ginmon – als Reaktion auf das ab Januar 2027 geplante staatlich geförderte Altersvorsorgedepot ohne Garantie. Ginmon bietet Finanzunternehmen eine White-Label-Plattform für das Depot an und konkurriert dabei mit FNZ, FFB und DAB BNP Paribas.
Mitte September 2026 kündigte Ginmon eine Zusammenarbeit mit Franklin Templeton an. Das 2014 gegründete Fintech verwaltete zuletzt nach eigenen Angaben etwa 0,5 Milliarden Euro. Der Vermögensverwalter Vanguard schätzt, dass Privatkunden in den ersten fünf Jahren nach Einführung des Altersvorsorgedepots rund 150 Milliarden Euro investieren werden.
Nicht alle Branchenvertreter sehen die Neuausrichtung unkritisch: R+V-Chef Norbert Rollinger sagte bei einer Veranstaltung in Berlin, die klassische Altersversorgung werde künftig vor allem in der gesetzlichen Rente und der betrieblichen Altersversorgung stattfinden; die neue dritte Säule sei seiner Einschätzung nach eigentlich keine Altersvorsorge mehr.
Beratung im Wandel: Digitalisierung und neue Herausforderungen
Der Umbau der Altersvorsorge verändert auch die Arbeit der Berater. Das 20. Barometer zum Markt der unabhängigen Vermögensberater von BNP Paribas Cardif und Kantar zeigt, dass 72 Prozent der befragten Berater inzwischen künstliche Intelligenz nutzen, gegenüber 56 Prozent im Vorjahr. Gleichzeitig fühlen sich 72 Prozent stärker Cyberbedrohungen ausgesetzt, weshalb 75 Prozent ihre Sicherheitsmaßnahmen ausgebaut haben.
Inhaltlich meldeten 71 Prozent der Berater 2026 eine wachsende Kundschaft; 53 Prozent planen, ihr Angebot in der privaten Altersvorsorge auszubauen, gegenüber 32 Prozent im Vorjahr. 40 Prozent wollen im kommenden Jahr die betriebliche Altersvorsorge stärker integrieren.
Als Herausforderung nennen 37 Prozent die Asset-Allokation – ein Anstieg von 16 Prozentpunkten gegenüber 2025. Während 54 Prozent ihre Kunden weiterhin als anlagebesorgt einschätzen, ist dieser Wert gegenüber knapp 78 Prozent im Vorjahr gesunken; 46 Prozent sehen ihre Kunden inzwischen wieder optimistischer.
Zusammengenommen zeichnen die Entwicklungen in der Schweiz und in Deutschland das Bild eines Vorsorgemarkts im Umbau: neue Produkte mit mehr Flexibilität, eine anstehende Reform mit größerer Wahlfreiheit bei Garantien, ein wachsender Wettbewerb um kostengünstige Depotangebote – und eine Beratungslandschaft, die sich zunehmend auf digitale Werkzeuge stützt, um dieser Komplexität zu begegnen.
