Altersarmut, Rentner

Altersarmut: Über 760.000 Rentner brauchen Grundsicherung

Veröffentlicht am: 03.08.2026 um 21:49 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Viele Babyboomer streben früher in den Ruhestand, während die Altersarmut auf Rekordniveau steigt. Die geplante Rentenreform sorgt für politischen Zündstoff.

Babyboomer-Ruhestand: Erschöpfung, Altersarmut und der Streit um die Rente mit 63
Ein erschöpfter Angestellter mittleren Alters sitzt nachdenklich an seinem Schreibtisch vor einem Laptop. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Generation der Babyboomer steuert auf eine doppelte Krise zu: körperlich ausgebrannt, finanziell abgehängt. Während die Politik über längeres Arbeiten debattiert, zeigen Daten: Immer mehr Ältere wollen früher aufhören – und immer mehr rutschen in die Armut.

Erschöpft in den Ruhestand

Psychologen schlagen Alarm. Die Jahrgänge 1950 bis 1965 gehen hoch belastet in die letzte Berufsphase. Ihr Problem: Sie wurden mit dem Leitsatz sozialisiert, dass der persönliche Wert an der beruflichen Leistung hängt. Der Psychologe Andreas Hillert beschreibt viele Betroffene als schlichtweg erschöpft, wenn sie in den Ruhestand wechseln. Schon historisch zeigt sich das Muster: Zwischen 1993 und 2001 erreichten weniger als 10 % der Beamten die reguläre Altersgrenze – psychische Erkrankungen waren ein Hauptgrund für die vorzeitige Pensionierung.

Der Wunsch nach frühem Ausstieg ist längst keine Randerscheinung mehr. Der DAK-Gesundheitsreport „Arbeiten ab 50“ belegt: 55 % der Beschäftigten ab 50 Jahren streben bundesweit einen vorzeitigen Renteneintritt an. In Rheinland-Pfalz sind es sogar 59 %. Nur 28 % planen, bis zur Regelaltersgrenze durchzuhalten. Die Gründe? Mangelnde Wertschätzung und der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten dominieren.

Ein besonderes Paradox zeigt sich bei den Krankheitsdaten: Ältere Beschäftigte erkranken seltener als jüngere Kollegen – aber wenn sie krank werden, dauert es deutlich länger. Im Schnitt sind Über-50-Jährige 16,9 Tage pro Jahr krankgeschrieben, Jüngere nur 8,5 Tage.

Immer mehr Rentner brauchen Grundsicherung

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Die gesundheitliche Belastung hat eine finanzielle Kehrseite. Die Zahlen zur Grundsicherung im Alter erreichen Rekordniveau: Im März 2025 bezogen rund 742.000 Menschen diese staatliche Hilfe, bis Ende 2025 stieg die Zahl auf etwa 764.000 – ein Zuwachs von 3,4 %.

Besonders dramatisch ist die Lage in Berlin. Innerhalb von neun Jahren wuchs die Zahl der Grundsicherungsempfänger um 50 % auf über 60.000. Damit sind in der Hauptstadt 8,8 % aller Rentner auf staatliche Unterstützung angewiesen – mehr als doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt (4,1 %). Auch die Wohngeld-Inanspruchnahme hat sich in Berlin zwischen 2015 und 2024 fast vervierfacht.

Bayern zeigt: Der Trend ist nicht auf Metropolen beschränkt. Dort stieg die Zahl der betroffenen Rentner von 63.360 (2024) auf 64.130 (2025). Besonders Frauen trifft es hart. Selbst nach 45 Versicherungsjahren blieben 2025 rund 56,4 % der Frauen mit Renten unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1.445 Euro – bei den Männern waren es 19 %.

Streit um die Rente mit 63

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Die Politik reagiert mit Reformplänen – und stößt auf heftigen Widerstand. Eine Rentenkommission empfiehlt die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, bekannt als „Rente mit 63“. 2025 nutzten 28,3 % aller Neurentner diese Option, die jährlich rund 13 Milliarden Euro kostet.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher sieht darin den Kern einer notwendigen Reform. Seine Rechnung: langfristig 10 Milliarden Euro Einsparung und 125.000 zusätzliche Beschäftigte pro Rentnerjahrgang. Zusätzlich schlägt die Kommission vor, das Rentenalter bis 2041 schrittweise auf 67,5 Jahre anzuheben.

Der Widerstand formiert sich quer durch die Parteien. Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) und Anke Rehlinger (Saarland) warnen vor den Folgen für Arbeitnehmer mit langen Erwerbsbiografien. Auch unionsgeführte Landesregierungen in Ostdeutschland verteidigen die Regelung. Berlins SPD-Fraktionschef Raed Saleh findet deutliche Worte: Die Kürzungspläne seien lebensfern und respektlos gegenüber der Lebensleistung der Beschäftigten. Die Kritiker fordern stattdessen Härtefallregelungen und eine bessere Honorierung langer Erwerbsleben – doch die Bundesregierung bereitet bereits die Umsetzung der Kommissionsempfehlungen vor.

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