Altenberichts-Kommission: Kein Mitglied über 70 vertreten
27.05.2026 - 12:30:41 | boerse-global.deDie Stadtverwaltung von Potsdam hat einen Vorschlag der SPD abgelehnt, älteren Autofahrern einen Bonus für die freiwillige Rückgabe ihres Führerscheins anzubieten. Die Entscheidung fiel am heutigen Dienstag – und sie dürfte für Diskussionen sorgen.
Keine Belege für mehr Sicherheit
Das Potsdamer Ordnungsamt begründete die Ablehnung mit handfesten Zweifeln. Es gebe keine belastbaren Belege, dass ein solches Bonussystem tatsächlich zu mehr Verkehrssicherheit führen würde. Zudem sei das Vorhaben für den städtischen Haushalt schlicht zu teuer.
Die Debatte um die Fahrtauglichkeit von Senioren ist nicht neu. Immer wieder sorgen Unfälle älterer Autofahrer für Schlagzeilen – erst am Montag wurde eine 78-jährige Fahrerin in Vorarlberg verletzt, als ihr Auto von der Fahrbahn abkam. Solche Vorfälle befeuern regelmäßig die Forderung nach strengeren Kontrollen oder Anreizen für den Verzicht auf den Führerschein.
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Doch die Potsdamer Verwaltung bleibt skeptisch: Ohne klare Daten, die einen Zusammenhang zwischen freiwilligen Rückgabe-Programmen und sinkenden Unfallzahlen belegen, wollen die Verantwortlichen kein Steuergeld in die Hand nehmen.
Die Infrastruktur-Falle
Das Problem hat eine weitere Dimension. Eine aktuelle Untersuchung des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Mehr als 160 Gemeinden in Brandenburg gehören zu den am schlechtesten angebundenen Orten Deutschlands. Während Potsdam selbst im Ranking auf Platz 505 landete, schnitten Orte wie Havelaue und Mescherin besonders schlecht ab.
Für Senioren in diesen abgehängten Regionen bleibt das Auto oft die einzige Möglichkeit, mobil zu sein. Die freiwillige Rückgabe des Führerscheins ist unter diesen Umständen eine schwere Entscheidung – selbst wenn ein Bonus locken würde.
Fehlende Stimme der Älteren in der Politik
Die Diskussion um die Mobilität der Senioren hat auch eine politische Komponente. Hubert Hüppe, Bundesvorsitzender der Senioren-Union, kritisierte am Montag scharf die Zusammensetzung der Kommission für den 9. Altenbericht der Bundesregierung. Kein einziges Mitglied über 70 habe in dem elfköpfigen Gremium gesessen.
„Die Einbeziehung älterer Bürger ist entscheidend, um die realen Fragen nach Generationengerechtigkeit und sozialer Sicherheit zu beantworten", so Hüppe. Zwar habe Ministerin Karin Prien für den kommenden 10. Altenbericht eine Vorsitzende Mitte 70 berufen – doch die bisherige Unterreprsentation habe die Entwicklung praxisnaher Politik behindert.
Lokale Initiativen als Ausweg
Während die großen politischen Entscheidungen auf sich warten lassen, versuchen einige Städte, die Lücken selbst zu schließen. In Rosbach vor der Höhe wurde im Frühjahr 2025 ein Bürgerbus-Angebot ausgeweitet, das Senioren zu vergünstigten Mittagstischen bringt – mit dem Ziel, der Vereinsamung entgegenzuwirken. In Bochum starten die Freiwilligenagentur und die Volkshochschule am Donnerstag ein Digitalprogramm, das Senioren den Umgang mit modernen Mobilitäts-Apps auf dem Smartphone beibringen soll.
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Der finanzielle Druck wächst
Die Mobilitätsdebatte fällt in eine Zeit massiver finanzieller Anspannung. Die schwarz-rote Koalition berät derzeit über mögliche Kürzungen und Reformen. Finanzminister Klingbeil hat die Ressorts angewiesen, Einsparungen von mindestens einem Prozent zu identifizieren. Diskutiert werden unter anderem Anpassungen beim Renteneintrittsalter und die Angleichung der Beamtenversorgung an die gesetzliche Rentenversicherung.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 2024 lag die durchschnittliche Bruttorente für Beamte zwischen 3.200 und 3.300 Euro, während die gesetzliche Rente bei rund 1.692 Euro lag. JU-Chef Winkel und der Ökonom Truger fordern daher, Beamte in die gesetzliche Krankenversicherung zu integrieren und Rentenerhöhungen zu dämpfen.
Hohe Kosten im hohen Alter
Auch die Gesundheitskosten für Hochbetagte stehen in der Kritik. Ärzte aus Hamm forderten am Montag ein Umdenken bei der Behandlung von Patienten über 85. Die Zahlen sind alarmierend: Die jährlichen Gesundheitskosten für einen über 85-Jährigen liegen bei durchschnittlich 29.000 Euro – für Menschen zwischen 65 und 85 sind es dagegen nur 11.000 Euro.
Die Mediziner kritisierten die Tendenz zur Maximaltherapie am Lebensende und plädierten für mehr Patientenverfügungen und Ethikkommissionen. „Die Mittel sollten lieber in die Prävention fließen, statt das Leben in der Endphase durch intensive medizinische Eingriffe zu verlängern", so die Ärzte.
Alternativen zur Mobilität
Doch selbst wer aufs Auto verzichten will, hat es nicht leicht. Der RMV hat zu Jahresbeginn 2026 die Bahncard-Ermäßigung für Einzelfahrscheine in Nahverkehrszügen und S-Bahnen gestrichen. Der Rabatt gilt nun fast nur noch für Fernreisen – das macht die lokale Mobilität für Senioren ohne Auto teurer.
Andernorts gibt es positive Signale: In Delmenhorst berät der Sozialausschuss am Mittwoch über einen Vorschlag, langjährige Ehrenamtliche kostenlos parken und Bus fahren zu lassen. Auf Bundesebene schlägt die CDU vor, Bürgergeld-Empfängern das Deutschlandticket als Sachleistung zur Verfügung zu stellen – die rechtliche Umsetzung ist allerdings noch offen.
Ausblick: Reformen vor der Sommerpause
Die schwarz-rote Koalition hat angekündigt, ihr Rentenpaket noch vor der Sommerpause 2026 auf den Weg zu bringen. Dabei dürfte auch die umstrittene „gleichwertige Übertragung" von Rentenreformen auf den Beamtenapparat eine Rolle spielen – eine Forderung von Steuerzahlerverbänden und jüngeren politischen Gruppierungen.
Für Senioren in Brandenburg und ganz Deutschland bedeutet die Ablehnung des Bonusmodells: Der Abschied vom Autofahren bleibt eine persönliche und oft schwierige Entscheidung. Lokale Angebote wie Schulungen und Bürgerbusse helfen punktuell, doch das grundlegende Problem – verlässliche, bezahlbare und barrierefreie Mobilität im ländlichen Raum – ist damit nicht gelöst.
Ob der 10. Altenbericht unter neuer Leitung hier zu einem Umdenken führt, bleibt abzuwarten. Die Senioren-Union wird jedenfalls genau hinschauen, ob die realen Herausforderungen der älteren Generation endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.
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