ALL, Immuntherapie

ALL bei Kindern: Immuntherapie halbiert Rückfallrisiko

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 14:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine UKSH-Studie zeigt bei Kindern mit Hochrisiko-ALL weniger Rückfälle und Nebenwirkungen durch Blinatumomab statt intensiver Chemotherapie.

ALL bei Kindern: Immuntherapie senkt Rückfälle bei Hochrisikofällen
Ein modernes, steriles Labor mit medizinischen Forschungsgeräten und Glasbehältern auf einer sauberen Arbeitsfläche. Illustration mit AI erstellt.

Die Behandlung der Akuten Lymphoblastischen Leukämie (ALL) bei Kindern steht vor einem signifikanten Wandel. Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, dass hochintensive Chemotherapie-Blöcke bei Hochrisikopatienten zunehmend durch zielgerichtete Immuntherapien ersetzt werden könnten.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht eine umfassende klinische Prüfung unter Leitung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel, die weitreichende Verbesserungen bei der Heilungschance und der Reduzierung von Nebenwirkungen aufzeigt.

Effizienzsteigerung durch Blinatumomab bei Hochrisikofällen

In einer im New England Journal of Medicine (NEJM) publizierten Studie untersuchten Forscher unter der Leitung des UKSH Kiel den Einsatz des Wirkstoffs Blinatumomab. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass zwei Zyklen dieses Immuntherapeutikums zwei herkömmliche, hochintensive Chemotherapie-Blöcke erfolgreich ersetzen können.

Bei den teilnehmenden Kindern mit Hochrisiko-ALL wurde beobachtet, dass sich die Anzahl der Rückfälle durch diesen Ansatz nahezu halbierte. Zudem traten deutlich weniger schwere Nebenwirkungen auf als bei der konventionellen Behandlung.

Die Studie, an der mehr als 100 Studienzentren in acht Ländern beteiligt waren, wurde von der Deutschen Krebshilfe mit einem Betrag von 4,2 Millionen Euro gefördert. Die Relevanz dieser Erkenntnisse spiegelt sich in den jährlichen Fallzahlen wider: In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 550 bis 600 Kinder unter 18 Jahren an ALL.

Während rund 90 Prozent der Betroffenen langfristig geheilt werden können, gilt etwa jedes fünfte Kind als Hochrisikofall, für den optimierte Therapieprotokolle entscheidend sind.

Präzisionsmedizin und KI-gestützte Diagnostik

Parallel zu klinischen Prüfungen gewinnen computergestützte Verfahren und genomische Analysen an Bedeutung, um Therapien präziser auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zuzuschneiden. Das im Oktober 2025 gegründete Institut für Klinische Genetik und Genommedizin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) hat unter der Leitung von Fachmedizinern mehrere Forschungsprojekte initiiert, um die biologischen Grundlagen der ALL besser zu verstehen.

Im Projekt „clinTALL“ wurde ein Deep-Learning-Verfahren entwickelt, das Subtypen der T-ALL – einer Form, die etwa 15 bis 20 Prozent der kindlichen Fälle ausmacht – mit einer Genauigkeit von 92,2 Prozent klassifizieren kann.

Anzeige

Wenn zwei Zyklen einer zielgerichteten Immuntherapie zwei hochintensive Chemotherapie-Blöcke ersetzen können, verändert das die Behandlung von Hochrisiko-ALL bei Kindern grundlegend. Der kostenlose Leitfaden erklärt, was die aktuelle Studie für betroffene Familien bedeutet — ruhig, verständlich und ohne Fachjargon. Kostenlosen Eltern-Leitfaden anfordern

Weitere Vorhaben wie „Gender4ALL“, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), untersuchen spezifische Geschlechts- und Altersunterschiede im Krankheitsverlauf.

Das Projekt „B-other-ALL“, unterstützt durch die José Carreras Leukämie-Stiftung, nutzt moderne Sequenzierungsmethoden für rund 10 Prozent der Kinder mit B-ALL, während ein weiteres Projekt zur Erforschung der DUX4-r ALL durch Mittel der Organisation „Tour der Hoffnung“ finanziert wird.

Innovative Zelltherapien und neue Biomarker

Ein weiterer Fokus der aktuellen Forschung liegt auf der Weiterentwicklung der CAR-T-Zell-Technologie und verwandter Immuntherapien. Forscher der Medizinischen Fakultät Heidelberg und des Berlin Institute of Health in der Charité identifizierten in einer Untersuchung eine Untergruppe hoch funktioneller CAR-T-Zellen. Das spezifische molekulare Profil dieser Zellen sowie das Fehlen zweier Oberflächenmarker könnten künftig als Biomarker dienen, um den Erfolg von niedrig dosierten Therapien vorherzusagen.

Die zugrunde liegende Studie verdeutlicht zudem die ökonomische Dimension dieser Behandlungen, die pro Patient Kosten in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro verursachen können.

An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wird zudem an der nächsten Generation der Immuntherapie gearbeitet. Ein Team befasst sich dort mit CAR-Makrophagen, die aus induzierten pluripotenten Stammzellen hergestellt werden können. Erste klinische Daten deuten auf eine Wirksamkeit bei soliden Tumoren hin, wobei künftige Anwendungen auch bei anderen Erkrankungen wie Fibrosen oder Alzheimer geprüft werden sollen.

Internationale Implementierung und Erstattung

Die klinische Relevanz neuer Wirkstoffe führt bereits zu Veränderungen in der medizinischen Versorgungspraxis in Europa. In Italien hat die Arzneimittelbehörde AIFA die Erstattung von Blinatumomab als Erstlinientherapie für Erwachsene mit bestimmten Formen der B-Vorläufer-ALL genehmigt. Daten aus Phase-III-Studien belegen hier ein Drei-Jahres-Gesamtüberleben von bis zu 85 Prozent bei MRD-negativen Patienten.

Anzeige

Viele Eltern fragen sich nach der Diagnose, welche Therapieoptionen es gibt und was sie das Behandlungsteam fragen dürfen. Dieser Leitfaden bündelt die wichtigsten Fragen zu Immuntherapien, CAR-T und Biomarkern — damit Sie im Gespräch mit den Ärzten vorbereitet sind. Fragenkatalog für das Behandlungsteam jetzt sichern

Auch in Spanien werden hochpreisige Therapien zunehmend zugänglich gemacht. Die Regionalregierung von Andalusien genehmigte jüngst den Erwerb von zwei CAR-T-Medikamenten für das Hospital Regional Universitario de Málaga für über 435.000 Euro. Diese kommen Patienten zugute, für die keine konventionellen Therapiealternativen mit ausreichender Wirksamkeit mehr zur Verfügung stehen.

Zur Unterstützung der nationalen Forschung in diesem Bereich erhielt ein Team am UKW Würzburg zudem eine Förderung in Höhe von 3 Millionen Euro durch die Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp, um den Nachwuchs in den Bereichen Protein Engineering und Künstliche Intelligenz zu stärken.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70117963 |