AID-Systeme bei Typ-1-Diabetes: Zyklus bleibt bei der Insulinsteuerung außen vor
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 12:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deDer weibliche Zyklus hat einen messbaren Einfluss auf den Glukosestoffwechsel, wird jedoch von gängiger Medizintechnik bislang kaum automatisch erfasst.
Eine im September 2026 veröffentlichte Beobachtungsstudie unter der Leitung von Martina Rothenbühler vom Diabetes Center Berne untersuchte die Zusammenhänge bei 77 Frauen mit Typ-1-Diabetes über insgesamt 380 Menstruationszyklen hinweg, die automatisierte Insulinabgabesysteme (AID) nutzten.
Die Auswertung ergab, dass die Insulinsensitivität in der frühen Follikelphase ansteigt und in der Mitte der Lutealphase ihren niedrigsten Stand erreicht.
In diesem zweiten Zyklusabschnitt erreichten sowohl die tägliche Insulindosis als auch die Kohlenhydrataufnahme Höchstwerte. Gleichzeitig lagen die Glukosewerte höher, während die Zeit im Zielbereich (Time-in-Range, TIR) sowie im engeren Zielbereich (TITR) verkürzt war.
Grenzen bisheriger AID-Systeme und individuelle Muster
Die detaillierten Ergebnisse der Untersuchung erschienen im Fachjournal Diabetes Care (2026;49(9):1673-1680, DOI 10.2337/dc26-0692). Demnach zeigte sich bei der Insulinempfindlichkeit in der zweiten Zyklushälfte eine deutliche Abnahme, gekoppelt mit höheren durchschnittlichen Blutzuckerwerten und einer größeren täglichen Insulinmenge.
Rund 85 % der Studienteilnehmerinnen wiesen ein hormonelles Verlaufsmuster auf, wie es auch bei Frauen ohne Typ-1-Diabetes vorkommt. Dennoch fielen die individuellen Abweichungen im Einzelfall erheblich aus.
Trotz dieser bekannten physiologischen Schwankungen berücksichtigt derzeit kein zugelassenes AID-System den Menstruationszyklus explizit bei der automatisierten Steuerung der Insulinabgabe. In der Praxis müssen viele Betroffene die Anpassungen weiterhin manuell vornehmen.
Um die Datenbasis zu erweitern, wurde mit der TIMES-Studie bereits eine Folgestudie gestartet, die 350 Frauen umfasst. Die Resultate der Berner Arbeitsgruppe sollen zudem im Umfeld der DDG-Herbsttagung in Dresden präsentiert werden.
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Hormonelle Einflüsse auf Stoffwechsel und Insulinresistenz
Die zyklusabhängigen Veränderungen fügen sich in ein breiteres physiologisches Bild ein. In der Lutealphase sorgen hormonelle Schwankungen von Progesteron und Östrogen typischerweise für Wassereinlagerungen, während der Grundumsatz um bis zu 10 % steigen kann.
Die veränderte Insulinempfindlichkeit begünstigt in dieser Phase die Speicherung von Glykogen, weshalb Gewichtszunahmen von 1–3 kg vor der Menstruation im Bereich des Normalen liegen, da sie auf Wasser- und Kohlenhydratspeicher statt auf Fettgewebe zurückgehen.
Fachärzte weisen darauf hin, dass Schwankungen von rund 2 kg unbedenklich sind, stärkere oder anhaltende Zunahmen jedoch ärztlich abgeklärt werden sollten.
Über den monatlichen Zyklus hinaus gewinnen hormonelle Umstellungen vor allem in den Wechseljahren an Bedeutung für den Glukosestoffwechsel. Am Weltmenopausentag am 18. Oktober 2026 wies die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) darauf hin, dass absinkende Östrogenspiegel die Entstehung von Bauchfett, Insulinresistenz und veränderten Blutfettwerten begünstigen. Dies erhöhe das Risiko für Typ-2-Diabetes sowie für Herz-Kreislauf- und Lebererkrankungen.
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DDG-Präsidentin Prof. Julia Szendrödi erklärte, dass Frauen mit einer frühen Menopause vor dem 45. Lebensjahr laut internationalen Studien ein um rund 30 % höheres Risiko für Typ-2-Diabetes aufweisen.
Mit dem Rückgang der Östrogenspiegel kann der Grundumsatz um bis zu 20 % sinken, während Kohlenhydrate schneller gespeichert werden. Zur Prävention empfiehlt die Fachgesellschaft die regelmäßige Kontrolle von Nüchternglukose, HbA1c-Wert, Blutdruck, Blutfetten, Gewicht, Taillenumfang und Leberwerten.
Ergänzend raten medizinische Fachleute zu zwei- bis dreimal wöchentlichem Muskeltraining sowie einer ausgewogenen Ernährung, um den metabolischen Veränderungen gezielt entgegenzuwirken.
