ADHS: Neurobiologie entdeckt Energiekrise statt Aufmerksamkeitsdefizit
05.07.2026 - 00:01:25 | boerse-global.de
Neue Studien zeigen: Stress blockiert komplexes Denken, Kaffee kann helfen – und digitale Medien sind nicht per se schädlich.
ADHS als Energiekrise des Gehirns
Der Neurobiologe Mohammad Dawood Rahimi von der Freien Universität Berlin stellt das bisherige ADHS-Verständnis infrage. In der Fachzeitschrift Neuroscience & Biobehavioral Reviews präsentiert er das Modell der „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ (EDHD). Demnach ist ADHS weniger ein Aufmerksamkeitsdefizit, sondern Folge einer instabilen Energieversorgung der Nervenzellen.
Im Zentrum stehen der Glukosestoffwechsel und die Mitochondrien – die Kraftwerke der Zellen. Schlaf, regelmäßige Pausen und die richtige Ernährung gelten als entscheidende Stabilisatoren.
Eine Studie aus Mai 2026 in Nutritional Neuroscience untermauert diesen Ansatz: Bei 21 Jugendlichen verbesserte eine Kombination aus L-Theanin und Koffein die selektive Aufmerksamkeit und Reaktionszeit. Die Wirkung sei mit der von Methylphenidat vergleichbar.
Parallel dazu steigen die ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen. Besonders Frauen in den Wechseljahren werden zunehmend zur Patientengruppe.
Stress blockiert komplexe Gedächtnisbildung
Die Universität Hamburg liefert neue Erkenntnisse zu Stress und Kognition. Das Team um Kai Schüren veröffentlichte am 22. Mai 2026 in Science Advances eine Studie mit 121 Probanden.
Das Ergebnis: Akuter Stress behindert die Integration von Informationen im Hippocampus. Gestresste Personen speicherten neue Verknüpfungen separat, statt sie mit bestehenden Erinnerungen zu verweben. Das Gehirn priorisiert Einzelfakten – auf Kosten des Verständnisses komplexer Zusammenhänge.
Arbeitspsychologische Analysen ergänzen das Bild: Psychische Belastung am Arbeitsplatz führt kurzfristig zu Reizbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Bei ausreichender Erholung sind die Effekte reversibel. Bleibt die Erholung aus, drohen emotionale Erschöpfung und dauerhafte kognitive Einschränkungen.
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Digitale Medien: Keine Schädigung, aber veränderte Prioritäten
Die Debatte um „digitale Amnesie“ wird aktuell differenzierter geführt. Eine 2026 in Nature Human Behaviour veröffentlichte Studie zeigt: Digitale Medien schädigen die grundsätzliche Aufmerksamkeitsfähigkeit nicht zwangsläufig. Sie verändern aber, wie das Gehirn Anstrengung bewertet.
Nutzer werden darauf trainiert, Aktivitäten mit schnellen, leichten Belohnungen zu bevorzugen. Kognitiv anspruchsvolle Aufgaben haben das Nachsehen.
Der Wiener Forscher Henning Schluß beobachtet zwar sinkende Aufmerksamkeitsspannen bei Kindern. Er warnt aber vor pauschalen Pessimismus-Szenarien. Der Intelligenzquotient bleibe durch Bildung und gezielte Förderung veränderbar – auch wenn der Erfolg in Systemen wie dem österreichischen stark von der sozialen Herkunft abhängt.
Mediziner des UK Eppendorf schlagen Alarm: Bereits jedes zweite Kind zwischen acht und neun Jahren besitzt ein eigenes Smartphone. Das Risiko für problematische Nutzung steigt. Als Orientierungshilfe empfehlen sie die „Fünf-Finger-Regel“. Sie prüft das Gleichgewicht zwischen Schlaf, sozialen Kontakten, Hobbys, Ernährung und schulischer Leistung.
Unterbrechungen kosten Zeit – Kaffee hilft
Die Effizienz im Arbeitsalltag hängt stark von der Umgebung ab. Oxford-Untersuchungen zeigen: Die bloße Sichtweite eines Smartphones verstärkt das subjektive Ablenkungsgefühl. Die tatsächliche kognitive Leistung muss aber nicht in jedem Fall leiden.
Trotzdem sind Unterbrechungen teuer. Pflegekräfte werden in einer Frühschicht bis zu 60 Mal gestört. Beamte verlieren Schätzungen zufolge durchschnittlich zwei Stunden eines Acht-Stunden-Tages durch Ablenkungen.
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Sabine Kastner von der Princeton University betont: Konzentration verbraucht erhebliche kognitive Ressourcen. Nach spätestens einer Stunde ist eine Pause zwingend erforderlich.
Eine 2026 in Cureus veröffentlichte Studie liefert Daten zum Koffeinkonsum. Medizinstudenten mit moderatem Konsum von ein bis zwei Tassen Kaffee pro Tag erzielten bessere Prüfungsergebnisse als Verzichter oder Vielfachtrinker.
Langzeitdaten aus einer Harvard-Studie in JAMA stützen die These. Bei über 130.000 Teilnehmern korrelierte ein moderater Konsum von etwa zwei bis drei Tassen täglich mit einem geringeren Demenzrisiko im Alter.
