ADHS im Erwachsenenalter: Studie findet höheres Risiko für kognitive Störungen
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 20:43 Uhr | Redaktion boerse-global.deErwachsene mit einer Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) entwickeln im späteren Leben deutlich häufiger leichte kognitive Störungen als Personen ohne diese Entwicklungsstörung. Dies belegt eine im Oktober 2026 im Fachjournal JAMA Psychiatry veröffentlichte Beobachtungsstudie von Forschern in Pittsburgh.
Die Ergebnisse stellen die traditionelle Sichtweise infrage, dass es sich bei ADHS um ein rein im Kindes- und Jugendalter relevantes Phänomen handelt, und liefern wichtige Einblicke in potenzielle Risikofaktoren für neurodegenerative Prozesse.
Auswertung großer Kohortendaten belegt erhöhtes Risiko
Die Untersuchung stützt sich auf Datensätze des „All of Us Research Program“, das im Jahr 2015 unter der Obama-Administration ins Leben gerufen wurde. Die untersuchte Kohorte umfasste 187.341 Erwachsene ab einem Alter von 50 Jahren, die über einen durchschnittlichen Zeitraum von 10,26 Jahren hinweg beobachtet wurden. Darunter befanden sich 3.026 Individuen mit einer dokumentierten ADHS-Diagnose.
Die Auswertung der Daten ergab deutliche Unterschiede im weiteren Krankheitsverlauf: In der ADHS-Gruppe entwickelten 6,7 Prozent der Teilnehmenden eine leichte kognitive Störung oder eine Demenz, während dieser Anteil in der Vergleichsgruppe ohne ADHS bei 3,4 Prozent lag. Das adjustierte Risikoverhältnis für das Auftreten einer kognitiven Störung bezifferten die Forscher auf etwa 4,6. Zudem stellten die Wissenschaftler fest, dass auch Personen mit einer genetischen Veranlagung für ADHS, bei denen keine formelle Diagnose vorlag, eine erhöhte Anfälligkeit für einen geistigen Abbau aufwiesen.
Statistische Zusammenhänge und begleitende Einflussfaktoren
Trotz der deutlichen Zahlen weisen Mediziner auf die Grenzen von Beobachtungsdaten hin. Der Psychiater Yang Congcai ordnete ein, dass es sich hierbei um eine statistische Verbindung handle und eine Kausalität damit nicht nachgewiesen sei. Eine bestehende ADHS-Diagnose bedeute keineswegs zwangsläufig das spätere Auftreten einer Demenzerkrankung.
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In der Publikation in JAMA Psychiatry wird zudem auf bekannte modifizierbare Risikofaktoren verwiesen, die den geistigen Zustand im Alter beeinflussen können.
Dazu zählen Aspekte wie Schlafqualität und körperliche Bewegung, aber auch körperliche Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen sowie Rauchen. Zugleich hielten die Autoren fest, dass bislang keine Belege dafür vorliegen, dass der Einsatz von ADHS-Medikamenten vor einer Demenz schützen könne.
Parallelen zu anderen neurologischen Vorerkrankungen
Die Diskussion über Wechselwirkungen zwischen neurologischen Erkrankungen und kognitiver Leistungsfähigkeit gewinnt auch in Bezug auf andere Krankheitsbilder an Bedeutung.
Französisch-schwedische Gesundheitsdaten verdeutlichen, dass Erwachsene mit einer neudiagnostizierten Epilepsie ein etwa sechsmal so hohes Risiko für eine Demenz vor dem 65. Lebensjahr trugen wie Individuen ohne diesen Befund, wenngleich die absoluten Risiken niedrig blieben und keine Kausalität nachgewiesen wurde.
In einer französischen Fall-Kontroll-Studie mit 11.360 Personen im Alter von 40 bis 64 Jahren mit früher Demenz sowie 113.600 Kontrollpersonen waren 12,5 Prozent der Demenzgruppe zuvor mit Epilepsie diagnostiziert worden, verglichen mit 1,2 Prozent in der Gruppe ohne Demenz.
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Ergänzende Kohortendaten zeigten, dass von 12.901 Personen mit neu auftretender Epilepsie 2,2 Prozent innerhalb von zehn Jahren eine Demenz entwickelten, während es bei 64.083 Betroffenen mit einer Epilepsiediagnose vor dem year 2008 1,7 Prozent waren und in der Kontrollgruppe von 129.010 Personen lediglich 0,2 Prozent.
Lagen vier oder mehr weitere Erkrankungen vor, kletterte der Anteil auf 9,1 Prozent. In Dänemark wurden im Jahr 2025 etwa 1.400 Männer und 1.200 Frauen im Alter zwischen 40 und 64 Jahren mit einer Demenzdiagnose registriert, während rund 103.000 Dänen ab 65 Jahren betroffen waren.
Eine Analyse des Universitätsklinikums Zürich und der University of Liverpool auf dem European Academy of Neurology Congress 2026 lieferte auf Basis von mehr als 250 Millionen Patientendaten zudem Hinweise darauf, dass bei Erwachsenen mit Epilepsie und gleichzeitigem Hörverlust die Nutzung von Hörgeräten mit einem um 23 Prozent geringeren Demenzrisiko einherging.
Ein entsprechender Effekt zeigte sich nicht bei Vorerkrankungen wie Schlaganfall, Migräne, Diabetes, Nierenleiden, Herzinsuffizienz oder Arthrose, was die Autoren auf eine spezifisch erschöpfte kognitive Reserve bei Epilepsie zurückführten.
