ADHS-Diagnostik: Erstgespräche steigen um 60 Prozent, Verdacht oft unbegründet
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 23:44 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Medienberichte rücken das Zusammenspiel aus kognitiven Fähigkeiten, Wissenslücken und psychischer Gesundheit in den Fokus. Im Mittelpunkt stehen dabei die Diskrepanz zwischen hoher Intelligenz und unerwarteten Leistungsgrenzen sowie die wachsende Belastung durch krankhafte Ängste vor neurologischen Erkrankungen.
Fachleute aus Medizin und Psychologie beleuchten in diesem Zusammenhang die Herausforderungen einer fundierten Diagnostik und den Umgang mit psychischen Überlastungen.
Begabungsförderung zwischen Potenzial und Unterforderung
Die Diskrepanz zwischen intellektuellem Potenzial und tatsächlicher Leistung beschäftigt Bildungsexperten zunehmend. Frank Prietz, Leiter des Kompetenzzentrums für Hochbegabtenförderung Schwäbisch Gmünd, thematisierte diese Dynamik laut einem Bericht vom 9. Oktober 2026 auf Einladung der Hector-Akademie in Schwäbisch Hall. Er ging dabei auf das Spannungsfeld zwischen sogenannten Hochleistern und Underachievern ein, bei denen vorhandene kognitive Ressourcen nicht in entsprechende Schulleistungen münden.
Gleichzeitig bemühen sich Fachinitiativen um differenzierte Förderansätze. Die Organisation Aarikon GeniusKind setzt auf individuelle Begabtenförderung und den Abbau von Geschlechterklischees. Neben Elternberatungen, Fortbildungen, Workshops und mobilen Förderangeboten sind unter anderem ein Fachkongress unter dem Leitgedanken der klischeefreien Hochbegabung sowie spezielle Aktionstage für Mädchen und Jungen vorgesehen.
Krankheitsängste und neuronale Reizüberflutung
Neben Fragen der Begabung rückt die psychische Belastung durch spezifische Ängste in den Vordergrund. Notärztin Lisa Federle thematisierte in einem Medienbericht vom 9. Oktober 2026 diffuse Sorgen, Panikattacken und den schleichenden Übergang zu Depressionen.
Als Beispiel für den lähmenden Charakter gesundheitlicher Ängste beschrieb sie eine Patientin, die unter einer ständigen Furcht vor einem Hirntumor leide und wiederholt Magnetresonanztomografien (MRT) verlange. Auch die Universität Osnabrück widmet sich der Thematik im Rahmen eines Forschungsprojekts zu Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen.
Ergänzend weisen Fachberichte auf die Auswirkungen permanenter Reizüberflutung hin. Das menschliche Gehirn besitzt zwar ausgeprägte Kapazitäten, Überlastungen über längere Zeitspannen hinweg zu kompensieren, bevor messbare funktionelle Beeinträchtigungen auftreten. Dauerhafter Stress kann die kognitive Stabilität jedoch gefährden.
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Diagnostische Hürden bei Aufmerksamkeitsstörungen
Mit dem wachsenden Bewusstsein für kognitive und psychische Auffälligkeiten steigt auch der Andrang in den Fachambulanzen. Die Psychologin Zuzana Kovacovsky berichtete laut einem Bericht vom 9. Oktober 2026, dass die Erstgespräche an ihrer Einrichtung binnen eines Jahres um 60 % gestiegen seien.
Ein solcher Anstieg belege jedoch nicht automatisch eine reale Zunahme psychischer Störungen. In der Erwachsenenambulanz bestätige sich der Anfangsverdacht auf ADHS bei weniger als der Hälfte der untersuchten Personen.
Zugleich belasten lange Wartezeiten die Betroffenen: Bis zum ersten Behandlungstermin vergehen laut Kovacovsky rund 20 Wochen, während die diagnostische Abklärung mehr als sechs Monate in Anspruch nimmt. Sie stellte zudem klar, dass Medienkonsum keine ADHS verursacht, wenngleich Schlafmangel Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen könne. Zudem würden Mädchen mit einer vorwiegend unaufmerksamen Form der Störung nach wie vor häufig übersehen.
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Differenzierte Abklärung statt Selbstdiagnosen
Angesichts dieses Trends warnt der Expertenrat ADHS in einem Bericht vom 9. Oktober 2026 davor, geäußerte Verdachtsmomente pauschal als Wunschdiagnose abzutun. Eine ergebnisoffene fachliche Untersuchung sei zwingend erforderlich, da Selbsttests oder Inhalte auf Plattformen wie TikTok keine fundierte Diagnostik ersetzen könnten.
Der Expertenrat verwies hierbei auf eine Untersuchung deutschsprachiger Videos des Netzwerks, die erhebliche Qualitätsdefizite aufwiesen. Eine sachgerechte klinische Beurteilung setze eine sorgfältige Erhebung der Symptome, der tatsächlichen Beeinträchtigungen, der Biografie seit Kindheit und Jugend sowie den Ausschluss möglicher Differenzialdiagnosen voraus.

