ADHS-Diagnosen: Bundesweit +16%, aber Thüringen bricht Trend
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 17:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland weist im Bereich der psychischen Erkrankungen signifikante regionale Unterschiede auf. Eine Sonderanalyse des DAK-Kinder- und Jugendreports für das Jahr 2024 zeigt für Thüringen eine Entwicklung auf, die deutlich vom bundesweiten Trend bei den Neudiagnosen der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) abweicht.
Rückgang in Thüringen entgegen dem Bundestrend
Während im Jahr 2024 bundesweit ein Anstieg der ADHS-Neudiagnosen um 16 Prozent verzeichnet wurde, sank die Zahl in Thüringen gegenüber dem Vorjahr um 9 Prozent. Hochgerechnet betraf dies im Freistaat rund 3.800 Kinder und Jugendliche.
Die Auswertung der DAK-Daten, welche auf Abrechnungsdaten von rund 19.100 versicherten Minderjährigen durch Vandage und die Universität Bielefeld basieren, verdeutlicht zudem geschlechtsspezifische Unterschiede. In Thüringen erhielten etwa 2.500 Jungen eine entsprechende Neudiagnose, was einem Rückgang von 11 Prozent entspricht. Bei den Mädchen sank die Zahl um 6 Prozent auf rund 1.300 Betroffene.
Im Gegensatz dazu steht die bundesweite Entwicklung, bei der hochgerechnet etwa 202.000 junge Menschen neu diagnostiziert wurden (136.500 Jungen und 65.000 Mädchen).
Besonders auffällig ist hier der Anstieg bei den Mädchen mit einem Plus von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr; im Vergleich zum Jahr 2020 liegt die Steigerungsrate bei den Mädchen sogar bei 46 Prozent. Die bundesweite Prävalenz über alle Altersgruppen von 3 bis 17 Jahren wird im Report mit 5 Prozent angegeben.
Engpässe bei der Diagnostik als möglicher Faktor
Fachvertreter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Thüringen, darunter Mediziner wie Reichelt und Rabe, warnen davor, den Rückgang der Zahlen im Freistaat als tatsächliche Abnahme der Erkrankungshäufigkeit fehlzuinterpretieren. Als mögliche Ursache für die sinkenden Zahlen in Thüringen nennen sie gravierende Engpässe bei den Diagnostikplätzen sowie lange Wartezeiten für betroffene Familien.
Ein Experte der Charité, Professor Correll, betonte im Kontext der bundesweiten Daten zudem, dass es sich bei ADHS nicht um eine bloße Modediagnose handle. Der Anstieg sei insbesondere in der Altersgruppe der 10- bis 14-jährigen Schulkinder deutlich spürbar. In dieser Gruppe lag die Quote im Jahr 2024 bei rund 18 von 1.000 Kindern, verglichen mit 15 von 1.000 im Vorjahr.
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Belastungsfaktoren im Schulalltag und psychische Gesundheit
Neben ADHS rücken weitere Aspekte der psychischen Verfassung junger Menschen in den Fokus. Der DAK-Präventionsradar für das Schuljahr 2025/2026, für den rund 30.000 Kinder und Jugendliche befragt wurden, zeichnet ein belastetes Bild.
Demnach klagten 49 Prozent der Schüler in den Klassenstufen 5 bis 10 über Schlafstörungen. Zum Vergleich: Im Zeitraum 2019/20 lag dieser Wert noch bei 36 Prozent. Zudem gaben 69 Prozent an, mindestens einmal pro Woche erschöpft zu sein – ein deutlicher Anstieg gegenüber den 52 Prozent von vor drei Jahren.
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DAK-Chef Storm sieht einen möglichen Zusammenhang zwischen diesen gesundheitlichen Belastungen und den schwachen Ergebnissen der Pisa-Studie 2025. Ergänzend zu diesen Trends meldet die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT) für das Jahr 2025 über 10.000 Diagnosen im Bereich der Essstörungen bei gesetzlich Versicherten im Freistaat.
Besonders betroffen seien hier Mädchen im Schulalter und junge Frauen. Psychologen wie Uwe Berger vom Uniklinikum Jena identifizieren ein geringes Selbstwertgefühl als wesentlichen Risikofaktor für solche Entwicklungen.
Innovative Forschungsansätze und digitale Risiken
Die Behandlung psychischer Erkrankungen und die Prävention von Krisen stehen im Mittelpunkt aktueller wissenschaftlicher Vorhaben. Unter Federführung des Uniklinikums Jena und unter Beteiligung der Universitätsmedizin Halle wird das Programm RISE (Relapse Prevention Intervention after Suicidal Event) im Rahmen einer klinischen Studie mit rund 350 Patienten erprobt.
Das Projekt, das durch den Gemeinsamen Bundesausschuss mit 1,3 Millionen Euro gefördert wird, umfasst fünf therapeutische Sitzungen innerhalb von vier Wochen.
Gleichzeitig warnen Fachleute vor den Gefahren durch ungesicherte Informationen im Internet oder den Einsatz von künstlicher Intelligenz als Therapie-Ersatz. Der KI-Experte Michael Puntschuh betonte, dass kein Sprachmodell eine professionelle Therapie ersetzen könne.
Auch Psychotherapeuten wie Miriam Junge weisen darauf hin, dass ständiges Vergleichen oder Recherchieren psychologischer Inhalte im Netz oft zu Unsicherheit und Angst führen könne. Psychoedukation diene zwar der Wissensvermittlung, stelle jedoch laut Elisabeth Dallüge von der DPtV keine eigenständige Therapieform dar.
Im Bereich der medikamentösen Forschung zeichnen sich derweil internationale Veränderungen ab. Im Juli 2026 vereinbarte Eli Lilly die Übernahme von AtaiBeckley für ein Volumen von bis zu 3,8 Milliarden US-Dollar. Parallel dazu gewinnen therapeutische Ansätze mit Psychedelika an Bedeutung, was sich unter anderem in Anhörungen der US-Gesundheitsbehörde FDA und dem Ausbau spezialisierter Kliniken in Australien zeigt.
