Abnehmtablette: 46,5% der Patienten wollen Tablette statt Spritze
Veröffentlicht: 10.07.2026 um 14:03 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Doch die Behandlung verändert sich grundlegend – durch neue Wirkstoffe und überraschende Erkenntnisse aus der Forschung.
Wirkstoffe im Vergleich: Was taugen die neuen Mittel?
Eine aktuelle Metaanalyse im British Medical Journal (BMJ) hat 262 klinische Studien mit rund 100.000 Teilnehmenden ausgewertet. Das Ergebnis: Moderne GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Tirzepatid (Mounjaro) und die Kombination CagriSema erzielen eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von etwa 15 Prozent. Semaglutid (Wegovy) liegt bei rund 10 Prozent.
Doch der Gewichtsverlust allein ist nicht alles. Die Forscher fanden keine klinisch relevante Verbesserung der Lebensqualität durch die Medikamente. Zudem gilt: Je wirksamer das Mittel, desto häufiger treten Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen auf. Viele Patienten brechen die Therapie deshalb ab.
Positiv: Semaglutid senkt nachweislich die Sterblichkeit und kardiovaskuläre Risiken. Negativ: Bei Tirzepatid und Semaglutid nahm auch die fettfreie Körpermasse ab.
Tablette statt Spritze: Was Patienten wirklich wollen
Die Verabreichungsform entscheidet oft über den Therapieerfolg. Eine YouGov-Umfrage vom Juli 2026 unter mehr als 2.100 Befragten zeigt: 46,5 Prozent bevorzugen eine Tablette, nur 8,7 Prozent die Spritze.
Unter den Adipositas-Betroffenen würden 43,6 Prozent eine medikamentöse Therapie in Betracht ziehen – aber nur als Tablette. Die erste EU-Zulassung für eine Abnehmtablette wird für Mitte August 2026 erwartet.
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In der Pipeline befinden sich zudem neue Tripel- und Dualagonisten wie Retatrutid und Cagrilintid. Sie wirken auf mehrere Hormonrezeptoren gleichzeitig und zeigen in Studien bereits signifikante Erfolge.
Das Fettgedächtnis: Warum Abnehmen so schwer bleibt
Warum halten viele Betroffene ihr Gewicht nicht dauerhaft? Die ETH Zürich liefert eine neue Erklärung. Eine Studie vom Juli 2026 belegt ein epigenetisches Gedächtnis in den Fettzellen. Chemische Markierungen, die den Körper zur Fettspeicherung anregen, bleiben bis zu zwei Jahre nach einem Gewichtsverlust bestehen.
Gleichzeitig reduziert der sogenannte Hungermodus den Grundumsatz. Der Körper arbeitet also gegen die Gewichtsabnahme an.
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Doch es gibt auch gute Nachrichten. Eine norwegische Studie, im Mai 2026 auf einem Fachkongress vorgestellt, widerlegt eine alte Annahme: Ein schneller initialer Gewichtsverlust (weniger als 1.000 kcal pro Tag über acht Wochen) führt nicht zwangsläufig zum Jo-Jo-Effekt. Im Gegenteil: Die Gruppe mit schneller Abnahme stabilisierte ihr Gewicht über ein Jahr hinweg sogar besser.
Prävention und Politik: Was sich ändern muss
Adipositas gilt zunehmend als chronische Erkrankung. Dr. Rami Archid betont: Bei über 95 Prozent der Betroffenen reichen Ernährungsumstellung und Bewegung langfristig nicht aus. Prof. Ordemann vom Berliner Adipositas-Zentrum kritisiert die anhaltende Stigmatisierung der Patienten – sie erschwere eine effektive medizinische Versorgung.
Die Politik beginnt zu reagieren. Frankreich erstattet bestimmte Medikamente bereits unter strengen Auflagen. Die deutsche Bundesregierung plant ab 2028 eine Herstellerabgabe auf stark zuckerhaltige Getränke – angelehnt an das britische Modell von 2018, das dort den Zuckerkonsum bei Kindern senkte.
Fachleute fordern zudem eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse sowie Werbeverbote für ungesunde Lebensmittel. Denn Armut begünstigt die Ausbreitung von Adipositas – und das ist kein individuelles Versagen, sondern ein gesellschaftliches Problem.
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