Abnehmspritzen, Schweiz

Abnehmspritzen: Schweiz ringt um 160 Millionen Franken Kassenkosten

Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 20:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Hohe Ausgaben und offene Erstattungsfragen prägen die Debatte über Abnehmmedikamente in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden.

Abnehmspritzen: Krankenkassen ringen um Kosten und Erstattung
Ein steriler, moderner Behandlungsraum in einer Arztpraxis mit medizinischer Ausstattung in einer neutralen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Die wachsende Beliebtheit moderner Medikamente zur Gewichtsreduktion stellt Gesundheitssysteme und Versicherer vor erhebliche finanzielle Herausforderungen. Medienberichte beleuchten die angespannte Lage rund um die Finanzierung der Präparate durch die Krankenkassen.

Während die medizinische Nachfrage nach therapeutischen Lösungen gegen Adipositas ungebrochen hoch bleibt, verschärft sich die Kontroverse über Kostentragung, Zugangsschwellen und das Verhältnis von Aufwand und Nutzen.

Kostendruck und Schwellenwerte in der Schweiz

In der Schweiz übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Abnehmspritzen bislang unter klar definierten Bedingungen: Erforderlich ist ein Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 35 oder ein BMI von mindestens 28, sofern Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck vorliegen. Angesichts steigender Ausgaben geraten diese Vorgaben zunehmend in die politische Diskussion.

SVP-Nationalrat Mike Egger fordert höhere Hürden für die Erstattung durch die Kassen und plädiert dafür, zunächst andere therapeutische Maßnahmen auszuschöpfen. Egger beziffert die aktuellen Systemkosten allein für das Medikament auf 160 Millionen Schweizer Franken.

Die Organisation Prio.Swiss pocht darauf, dass eine Finanzierung gewährleistet sein müsse, sofern die gesetzlichen Kriterien für Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit erfüllt sind.

Die ökonomische Dimension von Übergewicht reicht derweil über die reinen Medikamentenkosten hinaus: Der Gesundheitsökonom Simon Wieser bezifferte die durch Übergewicht verursachten Belastungen für das Jahr 2022 auf 3,7 Milliarden Schweizer Franken an direkten Gesundheitskosten sowie 2,9 Milliarden Schweizer Franken an Einkommensverlusten.

Aus der medizinischen Praxis gibt es unterdessen Gegenwind zu pauschaler Kritik an der Verordnungspraxis: Der Hausarzt Jawid Jalal widerspricht dem Vorwurf, Abnehmspritzen würden leichtfertig verschrieben.

Restriktive Erstattung und Belastungen in Deutschland

In Deutschland gestaltet sich die Erstattungslage bei der reinen Gewichtsreduktion ebenfalls restriktiv. Familien müssen die Therapien zumeist aus eigener Tasche finanzieren, wobei sich die Kosten üblicherweise auf rund 200 Euro monatlich belaufen. Eine Übernahme von Semaglutid unter dem Handelsnamen Ozempic durch die gesetzlichen Kassen erfolgt bei der Indikation Typ-2-Diabetes.

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Besondere Herausforderungen bestehen bei jungen Patienten. Zwar ist Semaglutid für Kinder ab 12 Jahren zur wöchentlichen Injektion und Liraglutid unter bestimmten Voraussetzungen ab 6 Jahren zur täglichen Gabe zugelassen, der Einsatz darf jedoch nur ergänzend zu einer Lebensstiltherapie und bei extremer Adipositas in spezialisierten Zentren erfolgen.

Nach Daten der KiGGS-Studie aus den Jahren 2015 bis 2017 weisen 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland Übergewicht auf, 6 Prozent Adipositas.

Hochgerechnet entspricht dies knapp 2 Millionen Betroffenen mit Übergewicht, darunter 800.000 mit Adipositas und 200.000 mit extremer Adipositas. Während mögliche Nebenwirkungen vor allem Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit und Durchfall umfassen, gelten die langfristigen Risiken bei Heranwachsenden weiterhin als unklar.

Zögerliche Behörden in den Niederlanden und Ausblick

Auch in den Niederlanden wird über die Aufnahme in den Leistungskatalog gerungen. Das Zorginstituut Nederland berät über den wissenschaftlichen Beirat über eine Erstattung von Tirzepatid (Mounjaro) und Semaglutid (Wegovy) bei Adipositas; ein Beschluss steht noch aus.

Für Mounjaro ist eine technische Konsultation im Zeitraum vom 12. bis zum 18. Oktober 2026 vorgesehen, woran sich Beratungen im Ausschuss anschließen sollen. Wegovy hatte im Jahr 2024 ein negatives Gutachten erhalten, begründet mit Unsicherheiten bezüglich Nebenwirkungen, Langzeiteffekten, Zielgruppen und des Verhältnisses von Preis zu Gesundheitsgewinn.

Derzeit werden Wegovy und Mounjaro bei Adipositas in den Niederlanden nicht erstattet, obgleich Gruppen mit einem BMI ab 35 oder einem BMI ab 30 mit Begleiterkrankungen angestrebt werden.

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Ältere Präparate wie Saxenda und Mysimba werden dagegen seit 2022 unter strikten Auflagen bezahlt – bei Saxenda etwa ab einem BMI von 40 oder ab 35 mit Begleiterkrankungen, verbunden mit der Pflicht zum Therapieabbruch, wenn nach drei Monaten keine Gewichtsreduktion von mindestens 5 Prozent eintritt.

Parallel dazu schreitet die pharmazeutische Entwicklung voran. Eli Lilly erforscht die Kombination von Eloralintid und Tirzepatid. In einer 48-wöchigen Studie mit 367 übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes erzielte die Kombination je nach Dosis einen Gewichtsverlust von durchschnittlich 13,2 bis 23,3 Prozent – bei Höchstdosis entsprach dies 24,6 Kilogramm.

Tirzepatid allein erreichte 14,8 Prozent, Eloralintid 11,1 bis 12,3 Prozent. Allerdings brachen wegen Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden bis zu 27 Prozent der Probanden in den Kombinationsgruppen die Behandlung ab, verglichen mit 2,9 Prozent unter alleiniger Tirzepatid-Gabe. Phase-3-Studien plant der Hersteller für das vierte Quartal 2026, einen Zulassungsantrag in den USA für das erste Quartal 2027.

Auch Sicherheitsaspekte bleiben Gegenstand wissenschaftlicher Beobachtung: Eine 2024 im Fachjournal JAMA Ophthalmology veröffentlichte Auswertung von Daten des Massachusetts Eye and Ear aus den Jahren 2017 bis 2023 ermittelte für Semaglutid ein relatives, vierfach erhöhtes Risiko für die Augenerkrankung NAION bei Diabetes und ein mehr als siebenfach erhöhtes Risiko bei Adipositas, wobei die absoluten Fallzahlen niedrig blieben.

Eine Kohortenstudie des Karolinska Institutet und der University of Melbourne bezifferte dieses absolute Risiko auf rund 0,04 Prozent. Die Abwägung zwischen klinischem Nutzen, potenziellen Risiken und budgetären Grenzen dürfte die Debatten der Träger somit weiter prägen.

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