Abirateron, Prostatakrebs

Abirateron bei Prostatakrebs: Hohe Decipher-Werte zeigen bis zu 11 Punkte Nutzen

Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 22:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Auswertungen verbinden hohe Decipher-Werte mit größerem Abirateron-Nutzen; fehlende Daten lassen die klinische Aussagekraft jedoch offen.
Ein Labormikroskop mit einem Gewebepräparat auf einem Objektträger in einer klinischen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Bei der Behandlung von örtlich begrenztem Prostatakrebs steht die Medizin vor der Herausforderung, jene Patienten zu identifizieren, die von einer Intensivierung der Therapie profitieren. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass genomische Analysen künftig eine gezieltere Steuerung der medikamentösen Behandlung ermöglichen könnten.

Auf dem Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO), der vom 23. bis zum 27. Oktober 2026 in Madrid stattfand, präsentierten Wissenschaftler des UCL Cancer Institute am 24. Oktober 2026 entsprechende Auswertungen aus dem Umfeld der STAMPEDE-Studie.

Im Mittelpunkt stand die Frage, ob der gewebebasierte molekulargenetische Decipher-Gentest vorhersagen kann, welche Betroffenen von einer zusätzlichen Hormontherapie mit dem Wirkstoff Abirateron einen messbaren Nutzen haben.

Risikostratifizierung anhand molekularer Marker

Für die Untersuchung griffen die Forschenden auf Daten von 27.607 Patienten aus Real-World-Erhebungen sowie auf 401 Männer ohne Metastasen aus der STAMPEDE-Abirateron-Studie zurück.

Die Analyse ergab, dass höhere Werte im Decipher-Score mit ungünstigeren Krankheitsverläufen einhergingen. Konkret war jeder Anstieg um 0,1 Punkte im Decipher-Score mit einem deutlich erhöhten Risiko für das Auftreten von Fernmetastasen sowie für den Tod durch Prostatakrebs verbunden.

Gleichzeitig deuteten die Daten darauf hin, dass ein hoher Wert auch eine stärkere Wirksamkeit der Zusatztherapie signalisieren könnte. Bei Patienten ohne Lymphknotenbefall lag der absolute Nutzen einer Abirateron-Gabe in Bezug auf das Auftreten von Fernmetastasen über einen Zeitraum von fünf Jahren bei rund 10 bis 11 Prozentpunkten, sofern hohe oder sehr hohe Decipher-Werte vorlagen.

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Bei niedrigeren Werten betrug dieser Vorteil hingegen lediglich etwa 2 Prozentpunkte. Niedrige Testwerte könnten somit darauf hindeuten, dass eine intensivierte Hormonbehandlung möglicherweise unnötig ist und vermieden werden könnte.

Einschätzungen der Studienleitung und Relevanz

Die Prostatakrebserkrankung zählt zu den häufigsten Diagnosen in der Onkologie; nach Angaben der American Cancer Society erhält etwa einer von acht US-Männern im Laufe seines Lebens einen entsprechenden Befund.

Vor diesem Hintergrund betonte Studienleiterin Sarah Howlett vom UCL Cancer Institute, dass bei Vorliegen eines sehr hohen Risikos die Verhinderung einer weiteren Ausbreitung des Tumors von zentraler Bedeutung sei.

Ein präziseres Verständnis darüber, welche Patienten am stärksten von einer zusätzlichen medikamentösen Behandlung profitieren, mache einen bedeutsamen Unterschied in der Versorgung aus.

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Gleichzeitig dämpfte Howlett überzogene Erwartungen an einen sofortigen Praxiseinsatz. Der Decipher-Gentest sei in diesem Setting noch nicht etabliert. Bevor das Verfahren routinemäßig in der klinischen Versorgung genutzt werden könne, sei zunächst eine weitere wissenschaftliche Validierung der Ergebnisse erforderlich.

Fehlende Kennzahlen und offene klinische Fragen

Trotz der vorgestellten Resultate mahnen Fachkreise zur Zurückhaltung bei der Interpretation der Befunde. Berichten zufolge fehlen in den bisherigen Veröffentlichungen zu diesem genomischen Test wesentliche Studienkennzahlen, darunter differenzierte Angaben zum Gesamtüberleben, zum genauen Krankheitsverlauf, zu Hazard Ratios und p-Werten sowie zur exakten Größe der jeweils untersuchten Gruppen. Zudem mangelt es an detaillierten Beschreibungen der angewendeten Testverfahren und der Zusammensetzung der Patientenkollektive.

Infolge dieser Lücken gilt die Zuverlässigkeit des Tests bei der Unterscheidung zwischen Patienten mit und ohne tatsächlichen Behandlungsvorteil derzeit als nicht hinreichend belegt. Die konkrete klinische Relevanz des Verfahrens bleibt damit vorerst offen.

Vor diesem Hintergrund wird betont, dass Betroffene die aktuellen Meldungen keinesfalls als Empfehlung für die Durchführung eines solchen Gentests oder für eigenmächtige Änderungen ihrer bestehenden Krebstherapie verstehen sollten.

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