13-Stunden-Tag geplant: DGB warnt vor Unfallrisiken und Stress
Veröffentlicht am: 11.08.2026 um 03:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der aktuellen Diskussion um die Ausgestaltung des deutschen Arbeitszeitgesetzes stehen sich Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände mit gegensätzlichen Positionen gegenüber. Während Wirtschaftsvertreter eine stärkere Flexibilisierung und eine Ausweitung der Arbeitsstunden fordern, warnen Arbeitnehmervertreter vor massiven gesundheitlichen Risiken und einer psychischen Überlastung der Beschäftigten. Im Zentrum der Analyse stehen dabei Modelle, die von der bisherigen täglichen Höchstarbeitszeit abrücken und stattdessen eine wöchentliche Betrachtung forcieren.
Warnungen vor gesundheitlichen Folgen und Unfallrisiken
Die Gewerkschaftsseite äußert erhebliche Bedenken hinsichtlich der physischen und psychischen Unversehrtheit der Arbeitnehmer. Anja Piel, Vorständin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), warnte am 10. August 2026 vor der Einführung eines gesetzlichen 13-Stunden-Tages, sofern Wochenarbeitszeitmodelle nicht strikt an Tarifverträge gekoppelt werden. Ohne eine solche Bindung drohe ein Verlust an Schutzrechten für die Beschäftigten.
DGB-Vize Stefan Körzell unterstützte diese Einschätzung und betonte, dass der Eingriff in den bewährten Acht-Stunden-Tag schwerwiegende Folgen haben könne. Er verwies darauf, dass das Unfallrisiko bei einer Ausweitung der täglichen Arbeitszeit auf bis zu 13 Stunden exponentiell ansteige. Körzell sprach in diesem Zusammenhang von einem potenziellen Rückfall in das 19. Jahrhundert. Nach Ansicht der Gewerkschaften bieten bestehende Tarifverträge bereits ausreichend Flexibilität, um auf betriebliche Anforderungen zu reagieren, ohne die Gesundheit der Belegschaft zu gefährden.
Arbeitgeber fordern Nutzung europäischer Spielräume
Auf der Gegenseite plädieren Arbeitgebervertreter für eine grundlegende Reform des Arbeitszeitgesetzes. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger forderte am 10. August 2026, die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden durch eine wöchentliche Höchstgrenze von 48 Stunden zu ersetzen. Er argumentierte, dass Deutschland die durch EU-Richtlinien gegebenen Spielräume fast nirgendwo konsequent nutze.
Dulger wies zudem Befürchtungen über negative gesundheitliche Auswirkungen zurück. Er verwies auf Länder wie Belgien und Italien, in denen niedrigere Krankheitsquoten verzeichnet würden. Wären längere Arbeitszeiten tatsächlich so gefährlich für die Gesundheit, müssten die Arbeitnehmer dort nach seiner Einschätzung wesentlich häufiger krankheitsbedingt ausfallen.
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Unterstützung erhält diese Position aus der Industrie. Nikolas Stihl, Chef des gleichnamigen Motorsägenherstellers, forderte längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu sichern. Er bezeichnete die 35-Stunden-Woche als nicht mehr zeitgemäß und verwies auf den Verlust von 200.000 Arbeitsplätzen im vergangenen Jahr. Auch Mercedes-Aufsichtsratschef Bernd Brudermüller sprach sich für eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei gleichbleibendem Gehalt aus.
Rechtlicher Rahmen und politische Perspektiven
Die aktuelle Rechtslage in Deutschland sieht im Arbeitszeitgesetz eine tägliche Arbeitszeit von acht Stunden vor, die in Ausnahmefällen auf zehn Stunden verlängert werden kann, sofern innerhalb von sechs Monaten ein entsprechender Ausgleich erfolgt. Die EU-Richtlinie sieht hingegen lediglich eine Begrenzung auf 48 Stunden pro Woche vor, ohne zwingende tägliche Obergrenzen in diesem engen Rahmen vorzuschreiben.
Die politische Umsetzung einer Reform gestaltet sich jedoch schwierig. Zwar plant die Koalition eine Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit, das Vorhaben wurde jedoch vorerst vertagt. CDU-Chef Friedrich Merz gab am 10. August 2026 an, dass er einen entsprechenden Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas im kommenden Herbst erwarte.
Zusätzlich zu den Arbeitszeitregelungen stehen weitere Maßnahmen zur Debatte, die den Krankenstand beeinflussen könnten. So gibt es Überlegungen innerhalb der Koalition, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag einzufordern.
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Wirtschaftlicher Kontext der Debatte
Hintergrund der verschärften Diskussion ist die angespannte Lage der deutschen Industrie. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegt, dass die Industriebeschäftigung im Jahr 2025 auf ein Zehnjahrestief von 6,6 Millionen gesunken ist. Die IG Metall hat bereits angekündigt, längere Arbeitszeiten entschieden abzulehnen und plant Proteste für die im Herbst beginnende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Damit zeichnet sich eine konfliktreiche Auseinandersetzung zwischen dem Erhalt von Schutzstandards und der Forderung nach wirtschaftlicher Leistungssteigerung ab.
