Zollfreigrenze, Billigpakete

Zollfreigrenze weg: 300.000 Billigpakete täglich erreichen Deutschland

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 11:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Trotz neuer EU-Abgaben erreichen täglich rund 300.000 Kleinsendungen Deutschland. Der HDE fordert strengere Kontrollen und höhere Belastungen.

Billigpakete trotz Zollreform: Temu und Shein unter Druck
Leere Förderbänder und industrielle Sortieranlagen in einer weitläufigen Logistikhalle bei Dämmerlicht. Illustration mit AI erstellt.

Trotz des Wegfalls der bisherigen 150-Euro-Zollfreigrenze für Warensendungen aus Drittstaaten im Juli 2026 gelangen weiterhin enorme Mengen an Billigpaketen nach Deutschland. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), warnt vor den anhaltenden Folgen für den Markt und betont, dass Plattformen wie Temu und Shein ihre Modelle anpassen und den Vertrieb fortsetzen werden.

Sendungsmengen bleiben auf hohem Niveau

Bis zur Abschaffung der Zollfreigrenze erreichte Deutschland täglich rund 400.000 Pakete aus Nicht-EU-Ländern. Nach Schätzungen des Verbands liegt das Volumen inzwischen bei etwa 300.000 Sendungen pro Tag. Selbst bei einem Rückgang um rund ein Drittel strömten damit weiterhin Hunderttausende Pakete pro Tag und Millionen Sendungen insgesamt in die Bundesrepublik.

Frankreich meldet nach dem Wegfall der Freigrenze ein Minus von 30 bis 40 Prozent bei den Einfuhren. Für Deutschland liegen bislang noch keine exakten statistischen Zahlen vor, der Verband rechnet jedoch mit einer vergleichbaren Entwicklung. Laut Zahlen der EU-Kommission wurden im Jahr 2024 rund 4,6 Milliarden Kleinsendungen in die Europäische Union importiert – etwa 12 Millionen Einheiten am Tag, wovon 91 Prozent aus China stammten.

Genth begründet die anhaltend hohe Sendungszahl damit, dass die Plattformen Fabrikauslastung benötigten und die Produkte im chinesischen Heimatmarkt kaum absetzbar seien. Gleichzeitig warnt der Verband vor Plagiaten sowie unsicheren und gesundheitsschädlichen Artikeln.

Als Beispiel nennt der HDE mit Chrom VI belastete Kinderschuhe. Eine lückenlose Überprüfung an den Grenzen sei jedoch nicht realisierbar, da die Zollbehörden lediglich Stichproben durchführen könnten.

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Kritik an Abgabenhöhe und neue EU-Vorgaben

Seit dem 1. Juli 2026 entfällt die Freigrenze von 150 Euro EU-weit. Übergangsweise gilt ein Pauschalzoll in Höhe von 3 Euro pro Warenkategorie je Sendung. Diese Verantwortung liegt bei Verkäufern und Importeuren, die Kosten werden jedoch zum Teil an die Verbraucher weitergegeben.

Spätestens ab dem 1. November 2026 soll eine zusätzliche EU-Bearbeitungsgebühr für Kleinsendungen bis zu einem Gesamtwert von 150 Euro fällig werden, deren genaue Höhe durch die EU-Kommission noch festzulegen ist. Diese Gebühr ist durch die Plattformen zu entrichten.

Genth rechnet mit einer Bearbeitungsgebühr von rund 2 Euro, was einer Gesamtbelastung von etwa 5 Euro pro Sendung entspräche. Diese Summe bezeichnet der HDE-Hauptgeschäftsführer als unzureichend; der Verband habe sich deutlich höhere Abgaben erhofft.

Flankiert werden die Vorgaben durch die am 21. September 2026 in Kraft getretene EU-Zollreform. Das Europäische Parlament hatte der Verordnung (EU) 2026/2108, die im EU-Amtsblatt veröffentlicht wurde und die bisherige Verordnung (EU) Nr. 952/2013 aufhebt, am 16. September 2026 zugestimmt. Die Mitgliedstaaten haben nun 12 Monate Zeit für die Umsetzung.

Online-Marktplätze außerhalb der EU wie Shein, Temu, AliExpress und Amazon gelten bei Verkäufen an Verbraucher in der EU zollrechtlich künftig als Importeure und müssen Zollformalitäten sowie Einfuhrabgaben übernehmen. Bei wiederholten Verstößen drohen Geldbußen von bis zu 6 Prozent des jährlichen Einfuhrwerts.

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Reaktionen am Markt und Forderungen des Handels

Die veränderten Rahmenbedingungen hinterlassen bereits erste Spuren bei den betroffenen Unternehmen. Marktforscher von Médiamétrie stellten fest, dass Temu in Frankreich im zweiten Quartal 2026 binnen drei Monaten über 3 Millionen Besucher verlor und hinter die Plattform Booking.com zurückfiel.

Daten des Werbedienstleisters smec zufolge halbierte Temu zwischen März und Juni zudem seine Sichtbarkeit in Google Shopping. Shein zog sich fast vollständig aus Anzeigen-Auktionen zurück, während auf Fünf-Euro-Artikel des Anbieters rund 60 Prozent Aufschlag anfielen.

Auf institutioneller Ebene wurde am 20. September 2026 die neue EU-Zollbehörde EUCA mit Sitz in Lille offiziell gegründet; sie soll ihre Tätigkeit voraussichtlich im Jahr 2027 aufnehmen. Eine zentrale Zolldatenplattform, der sogenannte EU Customs Data Hub, wird für den Onlinehandel ab dem 1. Juli 2028 verpflichtend, für sonstige Händler folgt dieser Schritt ab dem 1. März 2034.

Dem HDE gehen die bisherigen Schritte nicht weit genug. Der Verband fordert eine Vernetzung der europäischen Zollbehörden auf Basis einer gemeinsamen Datenbasis sowie die verpflichtende Registrierung eines haftbaren Wirtschaftsakteurs innerhalb der EU. Um die Einfuhren wirksam zu kontrollieren, drängt die Handelsvertretung zudem auf die Einrichtung einer zentralen Marktüberwachung beziehungsweise Bundesbehörde für Drittstaatsunternehmen.

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