Wohnraummangel: Reiche-Berater sehen Wachstum in Gefahr
Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 11:39 Uhr | dpa, AD HOC NEWSWohnungspolitische Vorschläge des Beirats
- Der Wissenschaftliche Beirat berät das Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche.
- Bis 2030 werden jährlich rund 320.000 neue Wohnungen benötigt.
- Vorgeschlagen werden unter anderem eine Infrastrukturkostenumlage und ein Planungswertausgleich.
Wohnraummangel erschwert den Wechsel in bessere Jobs
Der Mangel an Wohnraum bremst nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium das Wachstum in Deutschland. Hohe Wohnkosten erschwerten den Wechsel an einen produktiveren Arbeitsplatz, heißt es in einem Gutachten der Berater von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).
Wenn Menschen einen besser bezahlten Arbeitsplatz nicht annähmen, weil sie vor Ort keine bezahlbare Wohnung fänden, gingen Chancen für die gesamte Volkswirtschaft verloren, sagte der Beiratsvorsitzende Felix Bierbrauer.
Hohe Mieten mindern den Vorteil eines Umzugs
Die Wanderung von Menschen orientiere sich in Deutschland immer weniger an regionalen Lohnvorteilen, schreibt der Beirat. Zugleich würden Lohnzuwächse zunehmend von höheren Wohnungspreisen aufgezehrt. Der Wechsel von einer Niedrig- in eine Hochlohnregion verliere dadurch an Attraktivität.
Der Beirat empfiehlt, Kommunen stärker dazu anzureizen, Bauland auszuweisen. Sie trügen bislang häufig die Folgekosten für Schulen, Kitas, Sporteinrichtungen und Verkehrsverbindungen, während Bodenwertgewinne oft privaten Eigentümern zugutekämen.
Eigentümer sollen Infrastruktur mitfinanzieren
Als Ausgleich schlägt das Gutachten eine erweiterte Infrastrukturkostenumlage oder einen Planungswertausgleich vor. Eigentümer und Bauherren sollen damit stärker an den Kosten beteiligt werden, die durch zusätzliches Baurecht und den Zuzug von Menschen entstehen.
Christian Bayer, federführender Autor des Gutachtens, verwies darauf, dass Zugezogene auch Sportplätze, Schwimmbäder, Theater und weiterführende Schulen nutzten. Ältere Bebauungspläne sollten zudem pauschal mehr Geschossfläche zulassen; maßvolle Erweiterungen in bestehenden Siedlungen könnten leichter genehmigt werden.
Mehr als eine Million Wohnungen fehlen
Zusätzlich bringt der Beirat steuerliche Erleichterungen für beruflich veranlasste Umzüge ins Spiel. In Deutschland fehlen nach Schätzungen mehr als eine Million Wohnungen.
Bis 2030 werden nach einer Analyse des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung rund 320.000 neue Wohnungen pro Jahr benötigt. Das Ifo-Institut erwartet für 2027 und 2028 jeweils weniger als 200.000 Fertigstellungen. Als Gründe für die Schwäche im Wohnungsbau gelten unter anderem stark gestiegene Zinsen und Baukosten.
Nach Angaben des Gutachtens macht die Wohnungsmiete bei einem durchschnittlichen Haushalt inzwischen fast 30 Prozent der Konsumausgaben aus; 2003 waren es weniger als 24 Prozent. Felix Bierbrauer bezeichnete die Investitionsschwäche in Deutschland vor allem als Bauschwäche.
Der Befund des Wissenschaftlichen Beirats verknüpft zwei Entwicklungen, die bislang häufig getrennt betrachtet werden: den angespannten Wohnungsmarkt und die schwache wirtschaftliche Dynamik. Wenn Beschäftigte einen Arbeitsplatz in einer produktiveren oder besser bezahlten Region wegen hoher Mieten nicht annehmen, wird Arbeit weniger dorthin verlagert, wo sie wirtschaftlich besonders gebraucht wird.
Die Belastung trifft dabei nicht nur Menschen, die einen Umzug planen. Steigende Mieten verringern auch das verfügbare Einkommen am bisherigen Wohnort und können den privaten Konsum dämpfen. Nach Eurostat-Daten gaben 2025 in Deutschland 11,2 Prozent der Menschen mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aus; damit lag Deutschland deutlich über dem EU-Durchschnitt von 7,7 Prozent. Das zeigt die Größenordnung der sozialen und wirtschaftlichen Belastung, ist aber nicht mit dem im Gutachten genannten durchschnittlichen Anteil der Miete an den Konsumausgaben gleichzusetzen.
Wohnungsbau bleibt entscheidend
Die vorgeschlagenen Instrumente zielen deshalb nicht allein auf mehr Neubau, sondern auch auf die Verteilung der Kosten. Kommunen sollen einen stärkeren Anreiz erhalten, Bauland auszuweisen, während Eigentümer und Bauherren an den Folgekosten zusätzlicher Infrastruktur beteiligt werden könnten. Nachverdichtung und steuerliche Erleichterungen für beruflich bedingte Umzüge würden die Mobilität ergänzend erleichtern.
Für die Wirkung entscheidend bleibt, ob zusätzliches Baurecht tatsächlich zu bezahlbaren Wohnungen führt. Hohe Zinsen, gestiegene Baukosten und langsame Genehmigungsverfahren bremsen den Neubau weiterhin. Für Beschäftigte und Unternehmen bedeutet das: In Regionen mit vielen offenen Stellen kann Wohnraummangel die Suche nach Personal erschweren und zugleich die Lebenshaltungskosten der bereits dort lebenden Haushalte erhöhen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Stern: „Bau: Reiche-Berater: Teurer Wohnraum bremst Wirtschaftswachstum“ (02.11.2026)
Der Artikel bestätige den Kern des Gutachtens und stelle die Folgen hoher Wohnkosten für berufliche Umzüge heraus. Einen zusätzlichen Schwerpunkt lege er auf die Vorschläge für mehr Bauland, Nachverdichtung und eine stärkere Beteiligung von Eigentümern und Bauherren an Infrastrukturkosten.
n-tv: „Ökonomen warnen vor Folgen: Gutachten: Wohnungsmangel bremst Deutschlands Wirtschaft“ (02.11.2026)
Der Beitrag bestätige ebenfalls die Einschätzung des Beirats, dass Wohnungsknappheit das Wirtschaftswachstum beeinträchtige. Der Schwerpunkt liege stärker auf den volkswirtschaftlichen Folgen; offen bleibe auch dort, wie schnell die vorgeschlagenen kommunalen und steuerlichen Maßnahmen wirken könnten.
Beide Beiträge stimmten beim Zusammenhang zwischen Wohnraummangel und geringerer wirtschaftlicher Mobilität überein. Unterschiede ergäben sich vor allem bei der Gewichtung von Reformvorschlägen und volkswirtschaftlichen Folgen.
