Wirtschaft unter Druck: BDI fordert Reformpaket gegen 0,4% Wachstum
01.07.2026 - 12:32:09 | boerse-global.de
Stagnierende Wachstumszahlen und steigende Insolvenzraten machen den Druck deutlich.
Beim Treffen der Koalitionsspitzen im Kanzleramt am heutigen Mittwoch mahnten Spitzenvertreter tiefgreifende Maßnahmen an. Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Tanja Gönner, betonte die Dringlichkeit struktureller Reformen. Der Verband rechnet für das laufende Jahr nur mit einem Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent.
Ohne eine investitionsfreundliche Steuerpolitik drohe Deutschland weiter an Boden zu verlieren, so Gönner.
Industrielle Wettbewerbsfähigkeit unter Druck
Der BDI fordert konkret eine Deckelung der Sozialbeiträge bei maximal 40 Prozent und die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags. Ein weiterer zentraler Punkt: Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz soll bis zur Umsetzung der EU-Richtlinie 2029 ausgesetzt werden.
BDI-Präsident Peter Leibinger unterstrich, dass die Wirtschaft erst bei entsprechenden politischen Weichenstellungen wieder verstärkt investieren werde.
Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) sieht dringenden Handlungsbedarf. Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov forderte den Verzicht auf weitere Steuererhöhungen und sprach sich für eine Flexibilisierung der Arbeitszeit aus. Statt einer täglichen Höchstarbeitszeit solle eine wöchentliche Betrachtung gelten.
Mittelstand und Handwerk am Limit
Für das Handwerk und den Mittelstand mahnte ZDH-Präsident Jörg Dittrich vor dem Koalitionsausschuss, die Betriebe nicht weiter zu belasten. Bei drei von vier Handwerksbetrieben stelle die Einkommensteuer faktisch die Unternehmenssteuer dar. Nötig sei eine wirkungsgleiche Entlastung für Personenunternehmen.
Der Sozialstaat müsse generationengerecht reformiert werden, da die Lohnzusatzkosten bereits die Belastungsgrenze erreicht hätten.
Die wirtschaftliche Lage untermauert die Forderungen. Im ersten Halbjahr 2026 stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um 5 Prozent auf rund 5.940 Fälle. Besonders betroffen: die Metall- und Elektroindustrie, die seit 2018 etwa 270.000 Arbeitsplätze verloren hat.
Hohe Energiekosten und bürokratische Lasten – geschätzt jährlich 65 Milliarden Euro – führten zunehmend zur Verlagerung von Produktionen ins Ausland.
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Konzepte für strukturellen Bürokratieabbau
Bereits am 29. Juni legte die CDU-Fraktion ein Papier zur Standortstärkung vor. Gefordert werden eine dauerhafte Senkung der Energiekosten durch den Wegfall der Gasspeicherumlage und eine Reduzierung der Stromsteuer auf das EU-Mindestmaß.
Beim Bürokratieabbau schlägt die Fraktion eine Beweislastumkehr und ein Moratorium für neue Regulierungen vor. Das Prinzip: Für jede neue Belastung sollen zwei bestehende Regelungen gestrichen werden.
Die Systemgastronomie signalisierte Investitionsbereitschaft bei verbesserten Rahmenbedingungen. Auf der Mitgliederversammlung des Bundesverbandes der Systemgastronomie (BdS) Ende Juni erklärten die Unternehmen, bei Planungssicherheit 3 Milliarden Euro investieren zu wollen. Das könnte bis zu 600 neue Standorte und 30.000 Arbeitsplätze schaffen.
BdS-Präsident Matthias Kutzer forderte verlässliche Regeln und einen konsequenten Abbau bürokratischer Hürden.
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Deutschland im internationalen Vergleich
Eine Analyse der Unternehmensberatung McKinsey zeigt die Herausforderungen im globalen Vergleich. Die Netto-Investitionsrate in der EU liegt bei lediglich 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In den USA sind es 4 Prozent, in China 23 Prozent.
Auch beim produktiven Kapitalstock je Beschäftigten hinkt Europa hinterher: 150.000 US-Dollar stehen 340.000 US-Dollar in den USA gegenüber.
Experten empfehlen beschleunigte Genehmigungsverfahren und standardisierte Prozesse. Nur so lasse sich die Attraktivität des Standorts für Investoren steigern.
