Windenergie, IG Metall Küste

Windindustrie in Norddeutschland rechnet trotz hoher Auslastung mit weniger Aufträgen

Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 14:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Eine neue Befragung der IG Metall Küste zeigt: Die Windindustrie rechnet trotz derzeit hoher Auslastung mit deutlich weniger neuen Aufträgen und warnt vor Folgen der Energiereform von Wirtschaftsministerin Katharina Reiche.

  • Die Aussichten in der Windindustrie haben sich einer Befragung nach verschlechtert. (Archivbild)  - Bild: Thomas Banneyer/dpa
    Die Aussichten in der Windindustrie haben sich einer Befragung nach verschlechtert. (Archivbild) - Bild: Thomas Banneyer/dpa
  • Daniel Friedrich ist seit 2019 Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Metall im Norden. (Archivbild)  - Bild: Marcus Brandt/dpa
    Daniel Friedrich ist seit 2019 Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Metall im Norden. (Archivbild) - Bild: Marcus Brandt/dpa
Die Aussichten in der Windindustrie haben sich einer Befragung nach verschlechtert. (Archivbild)  - Bild: Thomas Banneyer/dpa Daniel Friedrich ist seit 2019 Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Metall im Norden. (Archivbild)  - Bild: Marcus Brandt/dpa

Die Windindustrie in Norddeutschland rechnet einer Gewerkschaftsumfrage zufolge trotz derzeit hoher Auslastung mit deutlich weniger neuen Aufträgen.

Windbetriebe erwarten Rückgang bei neuen Projekten

Nach Angaben der IG Metall Küste erwarteten im vergangenen Jahr noch nahezu 60 Prozent der befragten Betriebsräte steigende Aufträge, für das Jahr 2026 sank dieser Anteil jedoch auf unter 20 Prozent. Die Befragung erfasst Betriebe, die im Onshore- und Offshore-Bereich der Windenergie tätig sind. Die Gewerkschaft sieht darin einen klaren Stimmungsumschwung in der Branche.

Hohe aktuelle Auslastung – Sorge vor Einbruch

Zugleich ist die Auslastung der Unternehmen der Umfrage zufolge derzeit sehr hoch. Sie liegt bei etwa 95 Prozent und damit im Vorjahresvergleich um vier Prozentpunkte höher. Nach Einschätzung der Gewerkschafter könnte diese hohe Auslastung in den kommenden zwei Jahren deutlich sinken. In den befragten Betrieben arbeiten den Angaben zufolge insgesamt rund 27.700 Beschäftigte.

Umfragebasis und Beteiligte

An der Befragung, die von dem Beratungsunternehmen WMP Consult durchgeführt wurde, beteiligten sich Betriebsräte aus 34 Betrieben. Erfasst wurden Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette der Windindustrie, darunter Hersteller, Zulieferer und Dienstleister für On- und Offshore-Anlagen. Die Ergebnisse werden von der IG Metall Küste als repräsentatives Stimmungsbild der Branche im Norden bewertet.

Kritik an Energiereform von Wirtschaftsministerin Reiche

Die IG Metall macht Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) für den Stimmungsumschwung mitverantwortlich. Bezirksleiter Daniel Friedrich sprach in diesem Zusammenhang von einem drohenden „Reiche-Absturz“ nach einer bereits zuvor erlebten „Altmaier-Delle“. Aus Sicht der Gewerkschaft seien die Umfrageergebnisse eine deutliche Warnung an die Bundesregierung.

Gefahr von Auftragseinbrüchen und Stellenabbau

Nach Einschätzung der IG Metall Küste drohen bei unveränderter Politik der Bundesregierung Auftragseinbrüche und ein Stellenabbau in der Windindustrie. Die Gewerkschaft fordert, die Auswirkungen der Reformen auf die industrielle Basis der Energiewende stärker zu berücksichtigen und Planungssicherheit für Betriebe und Beschäftigte zu schaffen.

Reform des EEG und Netzanschlusspaket im Fokus

Ende Juli hatte das Bundeskabinett eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sowie das sogenannte Netzanschlusspaket beschlossen. Ziel der Maßnahmen ist es, die staatliche Förderung für erneuerbare Energien zu reduzieren und damit die Stromkosten zu senken. Teil der Reform ist, dass Entschädigungen teilweise entfallen sollen, wenn das Stromnetz überschüssigen Strom aus Windparks nicht aufnehmen kann.

Warnung vor Rückschritt beim Ausbau der Windenergie

Auch die Präsidentin des Bundesverbands Windenergie, Bärbel Heidebroek, äußerte Kritik an den Plänen und warnte vor einem Rückschritt für den Ausbau der Windenergie. Aus Sicht des Verbands könnten die politischen Entscheidungen die Investitionsbereitschaft bremsen und den Ausbaupfad für erneuerbare Energien gefährden.

Signal für die Energiewende

Die in der Befragung der IG Metall Küste deutlich gesunkene Auftragserwartung in der Windindustrie fällt in eine Phase, in der der Ausbau der erneuerbaren Energien politisch weiter vorangetrieben werden soll. Gleichzeitig zeigt sie, dass die Branche politische Eingriffe sehr sensibel wahrnimmt und ihre Investitionsentscheidungen häufig von der Ausgestaltung der Förder- und Netzregelungen abhängig macht. Wenn nur noch weniger als ein Fünftel der Betriebsräte mit steigenden Aufträgen rechnet, deutet dies auf eine verbreitete Verunsicherung hin.

Politische Verantwortung und industriepolitische Risiken

Die Kritik der IG Metall Küste und des Bundesverbands Windenergie richtet sich unmittelbar gegen die von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche verantwortete Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und das Netzanschlusspaket. Beide Maßnahmen zielen darauf, staatliche Förderung zu begrenzen und Stromkosten zu senken, greifen aber zugleich in die Geschäftsgrundlage vieler Windparks ein, insbesondere dort, wo Netzengpässe bestehen und Entschädigungsregelungen wegfallen sollen. Die Gewerkschaft warnt vor einem „Reiche-Absturz“ in der Branche und stellt damit die Frage, ob die Reform die industrielle Basis der Energiewende gefährdet.

Konsequenzen für Beschäftigte und Regionen

Mit rund 27.700 Beschäftigten in den befragten 34 Betrieben ist die Windindustrie in Norddeutschland ein bedeutender Arbeitgeber. Eine sinkende Auslastung nach derzeit sehr hoher Kapazität von 95 Prozent könnte mittelfristig zu weniger Investitionen, Projektverschiebungen und Stellenabbau führen. Besonders betroffen wären Küstenregionen, in denen sich Zulieferer, Hersteller und Dienstleister rund um On- und Offshore-Windparks konzentrieren. Für Leserinnen und Leser bedeutet dies, dass energiepolitische Reformen nicht nur Auswirkungen auf Strompreise haben, sondern auch auf Arbeitsplätze und Wertschöpfung vor Ort. Ob die Reformen nachgeschärft werden, dürfte deshalb für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Regionen von großer Bedeutung sein.

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