Westbalkanregelung: Hans-Böckler-Studie warnt vor Abhängigkeitsrisiken
19.06.2026 - 01:12:30 | boerse-global.de
Das Working Paper Nr. 413 zeigt: Die Regelung bringt Vorteile, aber auch ernste Risiken für Beschäftigte aus sechs Westbalkanstaaten.
Formalisierte Jobs, aber neue Abhängigkeiten
Staatsangehörige aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien erhalten einen niedrigschwelligen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Die gute Nachricht: Beschäftigungsverhältnisse ohne schriftlichen Vertrag sind unter dieser Regelung selten geworden.
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Doch die Schattenseiten wiegen schwer. Die Studie berichtet von einer starken Abhängigkeit der Arbeiter von ihren Arbeitgebern. Ein Jobwechsel wird dadurch erschwert. Hinzu kommen eine eingeschränkte soziale Absicherung und mangelnde Kenntnisse über rechtliche Ansprüche.
Die Experten empfehlen eine konsequente Umsetzung der EU-Richtlinie 2024/1233 und mehr Gleichberechtigung für die betroffenen Arbeitskräfte.
EU-Annäherung: Montenegro als Vorreiter
Die arbeitsmarktpolitische Debatte ist eingebettet in größere geopolitische Pläne. Auf einem EU-Westbalkan-Gipfel am 5. Juni in Tivat (Montenegro) sprachen sich Kanzler Merz und Frankreichs Präsident Macron für eine schrittweise Heranführung der Kandidatenländer aus.
Ziel ist eine Einbindung in EU-Strukturen vor einer offiziellen Vollmitgliedschaft – zunächst ohne Stimmrecht. Montenegro gilt als Vorreiter und peilt einen Beitritt bis 2028 an. Der albanische Premier Edi Rama erwartet den Abschluss der Beitrittsverhandlungen bis 2027 und eine Aufnahme bis 2030.
Die EU-Kommission bezeichnet die Erweiterung als „geopolitisches Gebot" und verweist auf den Wachstumsplan von 2023, der bis zu sechs Milliarden Euro für Reformen vorsieht.
Bauwirtschaft unter Druck: Kosten steigen, Umsätze sinken
Während dieser Transformationsprozess läuft, kämpft die Bauwirtschaft mit massiven Kostensteigerungen. Laut Eurostat stiegen die Arbeitskosten pro Stunde im EU-Baugewerbe im ersten Quartal um 4,2 Prozent – der stärkste Anstieg aller Wirtschaftssektoren.
In Deutschland verzeichnete das Bauhauptgewerbe im selben Zeitraum einen realen Umsatzrückgang von 7,3 Prozent. Zwar stiegen die Baugenehmigungen im April um 9,2 Prozent. Doch die Stimmung bleibt laut Ifo-Institut eingetrübt.
Der Grund: Die Fertigstellungszahlen sinken dramatisch. 2025 wurden rund 206.600 Wohnungen fertiggestellt – der niedrigste Stand seit 2012. Branchenverbände wie der HDB und der ZIA fordern investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen und eine Senkung der Grunderwerbsteuer.
Arbeitszeitflexibilisierung: Neuer Zündstoff
Zusätzliche Dynamik bringt die Diskussion um eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. Ein Entwurf aus dem Bundesarbeitsministerium vom Juni sieht vor, die tägliche Höchstarbeitszeit zugunsten einer wöchentlichen Betrachtung zu flexibilisieren.
Die Lockerungen sollen an eine bestehende Tarifbindung und eine verpflichtende elektronische Zeiterfassung geknüpft sein. Wirtschaftsvertreter und Teile der Politik kritisieren diese Kopplung scharf.
Die geplante Reform verdeutlicht den Druck auf Unternehmen, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter lückenlos und gesetzeskonform zu dokumentieren. Sichern Sie sich diesen kostenlosen Ratgeber inklusive Mustervorlagen, um die Vorgaben zur Zeiterfassung ohne teure Software direkt umzusetzen. Kostenlose Mustervorlage zur Arbeitszeiterfassung sichern
Ökonomen des IW halten die Reform für Modelle wie die Vier-Tage-Woche im Baugewerbe für notwendig. Gewerkschaften warnen dagegen vor einer Aufweichung des Gesundheitsschutzes.
Um den Wandel systematisch zu erfassen, planen mehrere Fachverbände und die Bundesstiftung Bauakademie für Ende Juni die Vorstellung eines neuen Transformationsbarometers in Berlin.
