Kritische Infrastruktur in Deutschland: Viele Betreiber ohne Schutz vor Drohnenflügen
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Viele Betreiber kritischer Infrastruktur in Deutschland berichten von unerlaubten oder sicherheitsrelevanten Drohnenflügen, verfügen aber bislang häufig über keinen wirksamen Schutz gegen solche Vorfälle.
Umfrage zeigt verbreitete Vorfälle ohne Detektionssysteme
In einer Umfrage des Frankfurter Unternehmens Droniq und des Bundesverbands für den Schutz Kritischer Infrastrukturen (BSKI) gaben mehr als die Hälfte der 104 teilnehmenden Unternehmen und Behörden an, in den vergangenen zwölf Monaten unautorisierte oder sicherheitsrelevante Drohnenflüge registriert zu haben. Gleichzeitig erklärten fast 46,5 Prozent der betroffenen Organisationen, dass sie bislang keine Maßnahmen zur Drohnendetektion umgesetzt haben. Die im August durchgeführte Erhebung verweist damit auf eine deutliche Lücke zwischen der Wahrnehmung von Risiken und der tatsächlichen Vorbereitung.
Gefahrenszenarien: Sabotage und gestörte Abläufe
Nach den Angaben der Befragten gelten Drohnen bereits heute für 46,2 Prozent als reale Bedrohung, weitere 36,5 Prozent sehen sie künftig als mögliches Sicherheitsrisiko. Als wichtigste Gefahren nennen sie Sabotage, die 46,5 Prozent anführen, sowie die Störung von Betriebsabläufen mit 39,5 Prozent. Spionage und Datenschutzprobleme spielen demgegenüber eine deutlich geringere Rolle und werden von 7 beziehungsweise 5,8 Prozent der Teilnehmer als zentrale Risiken genannt. Damit steht vor allem die physische und betriebliche Integrität der Anlagen im Mittelpunkt der Sorge.
Breites Spektrum betroffener Sektoren
An der Umfrage beteiligten sich Unternehmen und Institutionen aus verschiedenen Bereichen der kritischen Infrastruktur. Dazu zählen Staat und Verwaltung mit 31 Teilnehmern, Transport und Verkehr ebenfalls mit 31, Energie mit 17, IT und Telekommunikation mit 15 sowie Wasser mit 5, Gesundheit und Weltraum mit je 2 und Ernährung mit einem Teilnehmer. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass unerlaubte Drohnenflüge nicht nur ein Problem für einzelne Branchen sind, sondern mehrere Schlüsselsektoren gleichermaßen betreffen.
Ruf nach besserer Kontrolle des Luftraums
Droniq-Geschäftsführer Jan-Eric Putze betont, Betreiber kritischer Infrastrukturen müssten wissen, was in ihrem Luftraum passiert. Entscheidend sei nicht allein, Drohnen erkennen zu können, sondern auch zu beurteilen, welche Fluggeräte dort sein dürfen und welche nicht. Das gemeinsame Unternehmen von Deutscher Telekom und Deutscher Flugsicherung verweist damit auf die Notwendigkeit von Systemen, die nicht nur detektieren, sondern auch zwischen erlaubten und unerlaubten Flugbewegungen unterscheiden und so auf konkrete Gefahren reagieren können.
Bombendrohne in Leipzig schärft politische Aufmerksamkeit
Der Fund einer Bombendrohne auf dem Flughafen Leipzig hat das Thema Drohnenschutz zuletzt mit hoher Priorität auf die politische Agenda gesetzt. Große deutsche Flughäfen gelten als kritische Infrastruktur und sollen künftig Drohnen schneller und früher entdecken können. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger kündigte bei einem Besuch des Towers der Deutschen Flugsicherung am Frankfurter Flughafen im August an, dass in den An- und Abflugbereichen der Flughäfen kurzfristig eine Interimstechnik der Flugsicherung eingesetzt werden soll. Daraus sollen langfristige Lösungen entstehen, mit denen der Luftraum über wichtigen Verkehrsdrehscheiben besser überwacht werden kann.
Bedrohungslage durch Drohnen nimmt zu
Drohnen haben sich in den vergangenen Jahren von einem Nischenprodukt zu einem weit verbreiteten Alltagsgerät entwickelt, das in Industrie, Logistik, Landwirtschaft und Freizeit genutzt wird. Parallel dazu wächst jedoch die sicherheitsrelevante Seite: Kritische Infrastruktur wie Flughäfen, Energieanlagen oder Telekommunikationsknotenpunkte ist auf störungsfreien Betrieb angewiesen, während Drohnen vergleichsweise leicht eingesetzt werden können, um Abläufe zu stören oder Anlagen aus der Distanz zu beobachten. Die in der Umfrage genannten Risiken Sabotage und Betriebsstörungen spiegeln diese Entwicklung wider und zeigen, dass Verantwortliche die grundsätzlich erhöhte Angriffsfläche erkennen.
Strukturelle Sicherheitslücke bei Detektion
Bemerkenswert ist vor allem die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und konkreter Vorbereitung: Obwohl eine Mehrheit der befragten Organisationen bereits unautorisierte oder sicherheitsrelevante Drohnenflüge erlebt hat, verzichtet fast die Hälfte bislang auf technische Detektionssysteme. Dies deutet auf organisatorische und finanzielle Hürden hin, aber auch auf eine Sicherheitsarchitektur, die traditionell stärker auf physische Zugänge und IT-Sicherheit fokussiert ist als auf den Luftraum unmittelbar über Anlagen. Für Betreiber kritischer Infrastruktur bedeutet das, dass sie potenziell erst sehr spät oder gar nicht bemerken, wenn sich Drohnen dem Gelände nähern oder dort operieren – mit Folgen für Gefahrenabwehr, Dokumentationspflichten und Versicherungsfragen.
Politische Reaktionen und Bedeutung für Bürger
Der Vorfall mit einer Bombendrohne in Leipzig hat die politische Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt und zu konkreten Planungen für eine flächigere Drohnendetektion an großen Flughäfen geführt. Damit steigen die Erwartungen an andere Sektoren kritischer Infrastruktur, nachzuziehen und den eigenen Luftraum ähnlich konsequent zu überwachen. Für Bürgerinnen und Bürger steht dahinter nicht nur die Frage nach persönlicher Sicherheit beim Fliegen oder im Umfeld großer Anlagen, sondern auch die Stabilität von Versorgungsnetzen und staatlichen Einrichtungen. Je konsequenter Drohnen erkannt und bewertet werden, desto besser lassen sich Störungen und Angriffe begrenzen; der aktuelle Befund der Umfrage weist jedoch darauf hin, dass dieser Schutz in vielen Bereichen noch im Aufbau ist.
