Vermögensteuer: Wegzüge kosten Betriebe 33 Prozent ihrer Beschäftigung
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 21:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle Analysen untersuchen die steuerlichen Auswirkungen von Erhöhungen bei der Vermögen- und Erbschaftsteuer auf die Abwanderungsbereitschaft wohlhabender Steuerzahler aus Deutschland. Vor dem Hintergrund politischer Forderungen nach einer stärkeren Belastung hoher Vermögen verweisen Experten auf internationale Erfahrungswerte und empirische Studien, die signifikante wirtschaftliche Folgewirkungen grenzüberschreitender Verlagerungen belegen.
Empirische Befunde zu Betriebsverlagerungen
Die ökonomischen Konsequenzen eines Wegzugs von Unternehmensinhabern wurden unter anderem in einer wissenschaftlichen Untersuchung der Ökonomen Jakobsen, Kleven, Kolsrud, Landais und Muñoz analysiert.
Demnach führt der Wegzug eines vermögensteuerpflichtigen Unternehmers im Schnitt zu einem Rückgang der Beschäftigung in dessen Betrieben um 33 Prozent. Zudem sinken die Bruttoinvestitionen um 22 Prozent und die Wertschöpfung um 34 Prozent. Die daraus resultierenden Steuerzahlungen verringern sich der Untersuchung zufolge um 51 Prozent.
Erfahrungen aus europäischen Nachbarländern stützen diese Tendenzen. In Frankreich stieg die Zahl der auswandernden Steuerpflichtigen im Jahr 2013 sprunghaft an: Bei Jahreseinkommen von über 100.000 Euro wanderten 40 Prozent mehr Personen aus als zuvor, bei Einkommen von über 300.000 Euro lag das Plus bei 46 Prozent.
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In Norwegen verließen nach einer Anhebung des Vermögensteuersatzes auf bis zu 1,1 Prozent im Jahr 2022 insgesamt 261 Personen mit einem Vermögen von mehr als 10 Millionen Kronen das Land, gefolgt von weiteren 254 Personen im Jahr 2023. Diese 515 Abwanderungen innerhalb von zwei Jahren übertrafen das frühere Niveau um mehr als das Doppelte, ungeachtet einer bestehenden Wegzugsbesteuerung von 37,8 Prozent auf nicht realisierte Kapitalgewinne ab 3 Millionen Kronen.
Im Gegenzug senkte die norwegische Gemeinde Bø im Jahr 2021 ihren kommunalen Vermögensteuersatz von 0,85 auf 0,35 Prozent. Eine Modellrechnung von Iacono und Smedsvik beziffert den Effekt einer Senkung um einen Prozentpunkt auf ein Plus von 45 Prozent beim durchschnittlichen steuerpflichtigen Vermögen.
Historische Daten aus Schweden weisen in dieselbe Richtung. Während des dortigen Spitzensteuersatzes von 85 Prozent zuzüglich Vermögensteuer in den 1970er Jahren verlegte beispielsweise Ikea-Gründer Ingvar Kamprad 1974 seinen Wohnsitz nach Dänemark und später in die Schweiz, ehe er 2013 zurückkehrte.
Vor der Abschaffung der Erbschaft-, Schenkung- und Vermögensteuer lebten in Schweden Schätzungen zufolge rund zwei Dollarmilliardäre. Auf Basis der Forbes-Liste bezifferte Anders Ydstedt deren Zahl später auf 32 im Inland und 13 im Ausland.
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Die politische Diskussion in Deutschland
In Deutschland fordert Die Linke eine schrittweise Vermögensteuer von einem bis zu fünf Prozent bei Vermögen bis 50 Millionen Euro sowie bis zu zwölf Prozent an der Spitze. Ein Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) verweist dabei jedoch auf erhebliche wirtschaftliche Risiken und betont, dass im Falle einer Umsetzung über 90 Doppelbesteuerungsabkommen neu verhandelt werden müssten.
Auch in der Industrie wird die Debatte intensiv verfolgt. Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Tanja Gönner, signalisierte zwar prinzipielle Bereitschaft, über Anpassungen bei der Erbschaftsteuer zu sprechen, knüpfte dies jedoch an ein Gesamtpaket zum Bürokratieabbau und zur Staatsmodernisierung.
Gönner mahnte zudem an, ein anstehendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts abzuwarten. Der BDI warnt davor, dass Betriebsvermögen überwiegend in Maschinen, Gebäuden und Anlagen gebunden sei.
Müssten Steuerforderungen aus der Unternehmenssubstanz beglichen werden, belaste dies Investitionen und Nachfolgeregelungen. Während die SPD auf höhere Steuern für sehr große Nachlässe dringt, gilt die CDU in der Frage als gespalten.
Nach Erhebungen des Soziologen Jens Beckert vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung besitzen in Deutschland etwa 70.000 Personen ein Vermögen von mindestens 10 Millionen US-dollar, was knapp 0,1 Prozent der Bevölkerung entspricht.
Ein Finanzvermögen von mehr als 100 Millionen US-Dollar halten rund 5.000 Menschen. Laut Beckert sind Sorgen vor Vermögens- und Statusverlusten sowie Sicherheitsrisiken wesentliche Treiber für die Zurückhaltung betroffener Personen.
