Lebensmittelhandel, Verbraucherschutz

Verfahren gegen „Lidl Plus“: Streit um Rabatt-Apps und mögliche Benachteiligung von Kunden

Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 04:15 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Rabatt-Apps von Supermärkten versprechen exklusive Vorteile, stehen aber wegen möglicher Benachteiligung bestimmter Kundengruppen in der Kritik. Vor dem Brandenburgischen Oberlandesgericht wird nun ein Grundsatzfall zur „Lidl Plus“-App verhandelt.

  • Lidl ködert Kunden in seiner App mit zusätzlichen Rabattaktionen. - Bild: Philip Dulian/dpa
    Lidl ködert Kunden in seiner App mit zusätzlichen Rabattaktionen. - Bild: Philip Dulian/dpa
  • Die meisten Lebensmittelhändler haben eine eigene App, aber nicht alle ein Bonusprogramm. - Bild: Philip Dulian/dpa
    Die meisten Lebensmittelhändler haben eine eigene App, aber nicht alle ein Bonusprogramm. - Bild: Philip Dulian/dpa
Lidl ködert Kunden in seiner App mit zusätzlichen Rabattaktionen. - Bild: Philip Dulian/dpa Die meisten Lebensmittelhändler haben eine eigene App, aber nicht alle ein Bonusprogramm. - Bild: Philip Dulian/dpa

Rabatt-Apps von Lebensmittelhändlern sorgen für zusätzliche Sparangebote – und zugleich für Streit: Vor dem Brandenburgischen Oberlandesgericht wird am Dienstag eine Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen die „Lidl Plus“-App verhandelt.

Verbraucherschützer sehen Benachteiligung bestimmter Gruppen

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) kritisiert, dass ältere, behinderte oder jüngere Menschen benachteiligt würden, weil sie passende Geräte oder Apps häufig nicht nutzen könnten oder dürften. Nach Ansicht der Verbraucherschützer führt dies zu einer Diskriminierung, wenn bestimmte Rabatte ausschließlich über die App erhältlich sind. Der Verband ist deshalb gegen mehrere Discounter vorgegangen.

Klagen gegen Netto und Penny wurden unter anderem wegen fehlender Belege abgewiesen, die Urteile sind jedoch noch nicht rechtskräftig. Eine Revision wurde zugelassen, sodass sich der Bundesgerichtshof mit der Frage befassen muss, ob App-exklusive Rabatte Verbraucher unzulässig benachteiligen. Ein Termin für die Verhandlung steht bislang nicht fest.

Welche Vorteile Rabatt-Apps bieten sollen

Viele große Handelsketten setzen auf eigene Apps, über die sie Produkte und Sonderangebote bewerben. Registrierte Nutzer können häufig Bonus- und Treueprogramme nutzen, zusätzliche Artikel abrufen oder Extra-Rabatte auf bereits reduzierte Waren erhalten. Üblich sind auch digitale Coupons, die an bestimmte monatliche Einkaufsvolumina geknüpft sind.

Eine Analyse des Vergleichsportals Smhaggle ergab, dass Verbraucher mit Rabatt-Apps im Durchschnitt nur wenig sparen. Über alle Händler hinweg liege die Ersparnis pro App bei rund einem Prozent, weil Kunden in der Regel bei mehreren Ketten einkaufen und die Vorteile sich verteilen.

Aldi verzichtet bewusst auf App-Rabatte

Nicht alle Discounter setzen auf digitale Bonusprogramme. Aldi Nord und Aldi Süd verzichten vollständig auf App-Rabatte und haben diese Entscheidung zuletzt mit einer Werbekampagne betont. Dort wird hervorgehoben, bei Aldi gebe es einen Preis für alle und ohne Bedingungen, in einer Zeit, in der Einfachheit besonders wichtig sei.

Handelsexperte Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn hält diesen Kurs für erfolgversprechend und sinnvoll. Bonusprogramme seien bei vielen Kunden umstritten und würden teilweise als zu kompliziert wahrgenommen. Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal von Aldi sei ein einfaches Einkaufserlebnis, weshalb der Verzicht auf App-Rabatte als konsequent bewertet wird.

Konträre Marketing-Strategien im Konkurrenzkampf

Rivale Lidl reagierte auf die Aldi-Kampagne mit mehreren Videoclips und argumentiert, dass Kunden auch ohne App sparen könnten, mit der „Lidl Plus“-App aber noch mehr Vorteile erhielten. Aus Sicht von Rüschen können sowohl Modelle mit als auch ohne digitale Bonusprogramme Erfolg haben, da Kunden unterschiedliche Vorlieben haben.

Für Händler und Kunden sind Rabatt-Apps zugleich ein Tauschgeschäft: Angemeldete Nutzer erhalten exklusive Vorteile, während die Unternehmen im Gegenzug Daten über das Kaufverhalten gewinnen. Diese Informationen ermöglichen zielgerichtete Werbung und können auch Kaufentscheidungen beeinflussen. Branchenexperten zufolge kennen Händler wie Lidl und Rewe ihre Kundschaft dadurch womöglich besser als Anbieter ohne App-basiertes Bonusprogramm.

Begrenzte Kundenbindung durch viele Apps

Nach Einschätzung von Andreas Riekötter vom Handelsforschungsinstitut IFH Köln sind Bonusprogramme im Alltag zwar fest etabliert, zugleich gebe es Anzeichen einer Sättigung. Viele Menschen wollten nicht zehn oder zwanzig verschiedene Apps verwalten, nur um Rabatte zu sammeln. Eine IFH-Analyse kommt zudem zu dem Ergebnis, dass die Apps die Kundenbindung möglicherweise nicht dauerhaft stärken.

Nutzer haben demnach im Schnitt 4,2 Händler-Apps installiert und wechseln häufig zu dem Anbieter, der aktuell die besten Vorteile bietet. Am Ende zähle für viele der beste Preis und nicht die Loyalität zu einem bestimmten Treueprogramm, so Riekötter.

Verbreitung und Bewertung von Rabatt-Apps

Wie verbreitet Rabatt-Apps inzwischen sind, zeigt eine repräsentative YouGov-Umfrage: Drei von vier Menschen in Deutschland nutzen demnach Rabatt-Apps von Händlern wie Rewe, Lidl oder Penny, jeder Zweite sogar mindestens einmal pro Woche. 24 Prozent verwenden solche Anwendungen nicht, ein Drittel von ihnen kann sich eine Nutzung aber vorstellen.

Die Apps werden aus unterschiedlichen Gründen genutzt. 93 Prozent der Nutzer geben an, damit beim Einkauf Geld zu sparen, 86 Prozent schätzen die leichtere Suche nach aktuellen Angeboten und Rabatten. 72 Prozent sehen in den Anwendungen individuelle und für sie relevante Angebote, 56 Prozent geben an, sie könnten damit ihren Einkauf besser planen.

Hohe Skepsis bei Datenschutz und Fairness

Trotz der weiten Verbreitung sehen viele Befragte Rabatt-Apps kritisch. 55 Prozent halten es für unfair, dass bestimmte Rabatte nur registrierten Nutzern angeboten werden. Jeder Zweite äußert Bedenken mit Blick auf Datenschutz und die Nutzung persönlicher Daten. Für 47 Prozent ist der Aufwand zu hoch, 46 Prozent empfinden Benachrichtigungen oder Werbehinweise als störend.

Hinzu kommt, dass 29 Prozent der Befragten die Bedienung als kompliziert und unübersichtlich empfinden. Die Gerichtsverfahren zu App-Rabatten könnten daher auch klären, wie Händler digitale Vorteile so gestalten können, dass sie für möglichst viele Kundengruppen zugänglich bleiben und zugleich Datenschutzbedenken ernst nehmen.

Digitaler Nachlass alter Rabatt-Traditionen

Die Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen die „Lidl Plus“-App markiert einen neuen Abschnitt in der Auseinandersetzung um digitale Kundenbindung im Handel. Während klassische Treueprogramme früher meist über physische Karten oder allgemein zugängliche Aktionen liefen, verlagert sich der Schwerpunkt heute in geschlossene App-Ökosysteme. Damit werden Rabatte faktisch an technische Ausstattung, digitale Kompetenz und die Bereitschaft zur Datenpreisgabe gekoppelt. Genau diese Verknüpfung steht im Mittelpunkt der Kritik: Wer kein Smartphone besitzt oder Apps aus persönlichen Gründen nicht nutzen möchte, erhält bestimmte Vorteile nicht mehr.

Zwischen Datenökonomie und Teilhabe-Fragen

Für Händler sind Rabatt-Apps ein zentrales Instrument der Datenökonomie. Aus den Nutzungsdaten entstehen detaillierte Profile, mit denen Angebote personalisiert und Marketingkampagnen effizient gesteuert werden können. Die dpa-Meldung verweist darauf, dass Anbieter wie Lidl und Rewe ihre Kunden damit möglicherweise besser kennen als Wettbewerber ohne Bonus-App. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie weit wirtschaftliche Interessen gehen dürfen, wenn gesellschaftliche Gruppen strukturell benachteiligt werden könnten – etwa ältere oder behinderte Menschen, die digitale Anwendungen seltener nutzen. Die anstehenden Verfahren vor Oberlandesgericht und später Bundesgerichtshof werden somit nicht nur für den Handel, sondern auch für die Auslegung von Verbraucherschutz und Antidiskriminierungsgrundsätzen im digitalen Alltag richtungsweisend sein.

Konsequenzen für Kunden und Wettbewerb

Für Verbraucher entsteht ein Spannungsfeld aus kleinem, aber dauerhaften Sparpotenzial, zusätzlichem Aufwand und Datenschutzbedenken. Die dpa-Analyse, nach der die durchschnittliche Ersparnis nur bei rund einem Prozent liegt, verdeutlicht, dass der wirtschaftliche Nutzen begrenzt sein kann. Gleichzeitig zeigen Umfragen eine sehr hohe Verbreitung und regelmäßige Nutzung solcher Apps, was ihre praktische Bedeutung für Millionen Menschen unterstreicht. Strategien wie der App-Verzicht von Aldi stehen exemplarisch für einen Wettbewerb um Vertrauen und Einfachheit, während andere Ketten auf maximalen digitalen Komfort und Personalisierung setzen. Die anstehenden Gerichtsentscheidungen könnten Standards für künftige Rabattmodelle setzen – von transparenten Alternativen ohne App bis hin zu strengeren Regeln für ausschließliche digitale Vorteile.

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