Unternehmenspleiten in Westeuropa erreichen Höchststand seit 2002
05.05.2026 - 15:28:08 | boerse-global.deDie Zahl der Firmenpleiten ist auf ein Niveau gestiegen, das seit der Finanzkrise nicht mehr erreicht wurde. Strukturelle Veränderungen, geopolitische Spannungen und steigende Kosten setzen immer mehr Unternehmen massiv unter Druck.
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Laut einem Bericht der Wirtschaftsauskunftei Creditreform endete das Jahr 2025 mit 197.610 Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa. Das ist ein Anstieg um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und das vierte Jahr in Folge mit steigenden Zahlen. Die letzte vergleichbare Pleitewelle gab es im Jahr 2002.
Dramatischer Anstieg im ersten Quartal 2026
Der Negativtrend hat sich zu Jahresbeginn noch einmal verschärft. Der aktuelle MIT Konjunkturbrief vom Mai 2026 zeigt: Die Insolvenzen im ersten Quartal erreichten den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten. Allein im März legten die Anträge um 17 Prozent gegenüber dem Vormonat und 18 Prozent im Jahresvergleich zu.
Experten sehen darin keine vorübergehende Delle, sondern eine strukturelle Krise. Hohe Energiepreise und ein schwächelnder Welthandel setzen den Firmen massiv zu.
Deutschland: Höchster Stand seit 2014
Die Pleitewelle erfasst nicht alle Länder gleichermaßen, doch die Unterschiede sind eklatant. Die Schweiz verzeichnete 2025 mit einem Plus von 35,3 Prozent den stärksten Anstieg – hier spielen allerdings auch Gesetzesänderungen eine Rolle. Griechenland (+24,4 Prozent) und Finnland (+12,1 Prozent) folgen mit zweistelligen Zuwächsen.
In Deutschland wurden 2025 rund 24.000 Insolvenzfälle registriert – ein Anstieg um 8,8 Prozent und der höchste Wert seit 2014. Besonders betroffen: der Dienstleistungssektor. Er machte 43 Prozent aller europäischen Pleiten aus, mit einer Wachstumsrate von 8,7 Prozent.
Die Insolvenzrate pro 10.000 Unternehmen zeigt ein gemischtes Bild: In Luxemburg (243), der Schweiz (197) und Dänemark (168) ist die Lage besonders dramatisch. Deutschland liegt mit 77 Fällen pro 10.000 Unternehmen vergleichsweise niedriger – aber der Trend zeigt klar nach oben.
Handwerk und Gewerbe unter Druck
Im deutschen Markt zeichnet sich vor allem im Handwerk eine deutliche Abkühlung ab. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) berichtet im Mai 2026: Der Iran-Konflikt hat die Energiepreise explodieren lassen und Lieferketten belastet. Der Geschäftsklimaindex ist eingebrochen. Viele Betriebe fahren Investitionen auf ein Minimum zurück und konzentrieren sich auf die Liquiditätssicherung.
Solarbranche: Einstiger Hoffnungsträger in der Krise
Die erneuerbaren Energien, lange Zeit Treiber des industriellen Wachstums, erleben eine Serie prominenter Pleiten. Am 29. April 2026 meldete der Solarmodul-Hersteller Soluxtec aus Bitburg Insolvenz an. Nur wenige Wochen zuvor, am 7. April, waren die Verfahren für den Balkonsolar-Anbieter Priwatt eröffnet worden. Auch die Münchner Grid Parity AG stellte einen Insolvenzantrag – als Gründe nannte das Unternehmen energiepolitische Weichenstellungen und den Rückzug der Banken.
Autohandel in der Zwickmühle
Auch der Autohandel ächzt unter dem Druck. Im April 2026 meldete die Autolöwen-Gruppe aus Schwäbisch Hall Insolvenz an. Die Gruppe betreibt mehrere Stellantis-Marken, beschäftigt over 170 Mitarbeiter an acht Standorten und hatte bereits in den Vorjahren Verluste geschrieben. Die Prognose für das Geschäftsjahr 2025/2026 war ebenfalls negativ.
Die Stimmung im deutschen Mittelstand ist entsprechend gedrückt. Der MIT Konjunkturbrief berichtet: 12,8 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen planen derzeit Personalabbau – ein Pessimismus, der an die Finanzkrise 2009 erinnert.
Geopolitische Schocks und Bürokratie als Dauerbelastung
Der Iran-Konflikt Ende Februar 2026 hat die europäische Wirtschaft sofort getroffen. Eine Umfrage nach Ausbruch der Kämpfe zeigt: 35 Prozent der Unternehmen erwarten Produktionsrückgänge wegen volatiler Öl- und Gaspreise. Die Blockade der Straße von Hormus treibt die Kosten für Treibstoffe und Rohstoffe wie Styropor in die Höhe – ein massives Problem für die Bauindustrie.
Gleichzeitig bleiben die internationalen Handelsbeziehungen angespannt. Die angekündigte mögliche Erhöhung der US-Zölle auf europäische Autos von 15 auf 25 Prozent wäre ein schwerer Schlag. Das Center Automotive Research (CAR) schätzt die jährliche Belastung für deutsche Hersteller auf rund 2,5 Milliarden Euro. Bundesfinanzminister Klingbeil forderte die US-Regierung auf, bestehende Handelsabkommen einzuhalten – die EU sei bereit, mit Gegenmaßnahmen zu reagieren.
Steuerlast auf Rekordniveau
Die hohen Standortkosten bleiben ein zentrales Ärgernis der Wirtschaftsverbände. Mit einer Steuer- und Abgabenlast von 49,3 Prozent liegt Deutschland auf Platz zwei der OECD-Staaten. Am 5. Mai 2026 übergab der CDU-Wirtschaftsrat ein Positionspapier an die Regierung. Die Forderung: eine schnellere Modernisierung des Staates und weniger „Reformschwäche".
Arbeitsmarkt: Vom Fachkräftemangel zum Stellenabbau
Der Arbeitsmarkt spiegelt die konjunkturelle Abkühlung wider. Während bestimmte Sektoren wie die IT weiterhin hohe Nachfrage verzeichnen – der Hays-Spezialisten-Index für IT stieg im ersten Quartal 2026 um 37 Punkte –, trübt sich die Gesamtlage ein. Das ifo-Institut meldete im April 2026: Der Beschäftigungsbarometer fiel auf 91,3 Punkte – der niedrigste Stand seit Mai 2020.
Der Anteil der Unternehmen, die über Fachkräftemangel klagen, sank auf 22,7 Prozent – ein deutlicher Rückgang gegenüber 25,8 Prozent im Oktober 2025. Das zeigt: Die Sorge vieler Firmen hat sich von der Personalsuche auf das Kostenmanagement verlagert. Der MINT-Bericht vom März 2026 bestätigt: Die Lücke bei Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik schrumpft – auch wenn es in Energie- und Elektroberufen weiterhin Engpässe gibt.
Ausblick: Steigende Pleitezahlen erwartet
Am 5. Mai 2026 beginnt in Stralsund die 170. Sitzung des Steuerschätzerkreises. Im Fokus steht, wie die steigenden Insolvenzen und die abkühlende Konjunktur die Steuereinnahmen des Bundes beeinflussen. Finanzminister Klingbeil will die Ergebnisse der Frühjahrsprognose am 7. Mai 2026 vorstellen – sie werden die Grundlage für die künftige Haushaltsplanung bilden.
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Die Analysten von Creditreform rechnen damit, dass die Zahl der Unternehmenspleiten im Laufe des Jahres 2026 weiter steigen wird. Strukturelle Schwächen und die hohen Zinsen – die die Schuldenbedienung für viele Firmen verteuern – bleiben eine anhaltende Bedrohung. Die Bundesregierung hat zwar mehrere „Bürokratieentlastungspakete" auf den Weg gebracht. Doch die Wirtschaft warnt: Das Tempo der Reformen müsse sich deutlich beschleunigen, um eine weitere Eskalation der Industriekrise zu verhindern. Für viele Unternehmen wird die Zukunft davon abhängen, ob die Energiemärkte stabil bleiben und ob sich die internationalen Handelskonflikte nicht weiter zuspitzen.
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